| Weesenstein: Flut 1897 |
der folgende Bericht ist unverändert aus:Die große Wassersnot in Sachsen 1897 von Seite 68 bis 81 entnommen. |
| Die regenreichen Tage vor dem 30.Juli hatten den Wasserstand des Flüßchens wohl etwas erhöht, hatten aber nicht die geringste Besorgnis in den Herzen der an viel größere Wassermengen gewöhnten Dorfbewohner zu wecken vermocht. Freitag, den 30.Juli,von früh 7 Uhr ab begann jedoch das Wasser rapid zu steigen. Trotz des heftigen Regenwetters sah man hier und da Neugierige das Wachsen des Wassers beobachten. Der größte Teil der Bewohner befand sich in der Papierfabrik. Noch dachte niemand an eine Gefahr; wohl fiel das Ausbleiben der Eisenbahnzüge auf, deren letzter früh 7 Uhr in der Richtung Geising unsern Ort durchfuhr; doch hielt man nicht eine durch das Hochwasser verursachte Betriebsstörung für wahrscheinlich. |
| Bald jedoch wurde das Bild der immer höher anschwellenden und immer jäher vorüberschießenden und immer lauter brausenden Wogen unheimlich und gefahrkündend. Bäume samt den Wurzeln, Balken, einzelne Hausgeräte, Bretter, Heu wurden in rasender Geschwindigkeit vorbeigetrieben und begannen durch ihren Anprall hier und da gefährlich zu werden. Und immer höher stieg die Flut, immer gewaltiger brausten die erregten Wellen. Gegen Mittag konnte die 1730 erbaute Brücke, welche unterhalb des Schlosses über die Müglitz führt, die Wassermassen kaum noch schlingen. An der dicht oberhalb des Dorfes die Müglitz überschreitenden Eisenbahnbrücke stauten sich angeschwommene Gegenstände; mit größter Anstrengung, zuletzt sogar tollkühn arbeitete der Bahnwärter Scharfe, die Gefahr verachtend, um den Pfeiler frei zu machen. Bald war die Mühe vergeblich und der schon längst durch Zurufe zur Umkehr Aufgeforderte mußte, um nicht völlig abgeschnitten zu werden, den Rückzug antreten. |
| Gegen 12 Uhr mittags hatten sich die Fluten außerhalb ihres Bettes Bahn gebrochen. Sie überfluteten in einem gegen 50 Schritte breiten Strome zwischen dem Richterschen Gasthofe und der oberhalb derselben gelegenen Straßenbrücke die fiskalische Straße. Gleichzeitig traten sie über das linke Ufer und ergossen sich in den auf dieser Seite gelegenen Teil des Dorfes. Die Gefahr stieg jetzt von Minute zu Minute. Der Verkehr zwischen der Fabrik und dem Dorfe drohte völlig unterbrochen zu werden; nur unter Benutzung des Bahnkörpers war es noch möglich, hin und her zu gelangen. Die durch die Dorfbrücke verbundenen beiden Ortsteile waren vollständig von einander abgeschnitten. Die Dorfstraße bildete einen reißenden, immer höher steigenden Strom. Angsterfüllte Gesichter zeigen sich überall, bange Fragen werden gewechselt, mancher Seufzer aus einem geängsteten Vater- und Mutterherzen steigt empor zu dem Retter aus der Not. Trotz des unaufhaltsam niederströmenden Regens ist die vom Wasser nicht erreichte Strecke der Chaussee belebt. Kurz vor 12 Uhr stürzte die nach dem Lindengarten des Gasthofes führende eiserne Hängebrücke in die Flut, ein an sie anprallender Holzschuppen, zu dem Hause des Müllers Ryssel gehörig, riß sie fort. Ohne Schaden anzurichten gelangte sie durch die Bogen der Dorfbrücke; am Pfarrhause verwickelten sich die Eisenteile in die Zweige einer großen Rüster und rissen diese mit einem großen Teile des Beerengartens, in dem sie stand, in die Flut. Eine den Lindengarten des Gasthofes vergrößernde, über das Wasser gebaute hölzerne Veranda schwamm ab. Der Lindengarten war bald überflutet und fiel dem Verderben anheim. Nichts von dem, was Menschenhand geschaffen hatte, blieb unversehrt; die langen Veranden, Lauben, Umfassungsmauer, das Buffet, ein mit Andenken an Weesenstein gefülltes Rindenhäuschen, Tische, Stühle - alles wurde in wildem Durcheinander thalwärts getrieben. Selbst einige der schönen schattenspendenden Linden wurden entwurzelt. An ein Bergen oder Befestigen der gefährdeten Gegenstände war nicht zu denken. |
| Einigen gelang es noch, von ihrer Arbeit in der Fabrik zur Mittagsstunde heimzukommen; einige wenige kehrten auch trotz der Flut um 1 Uhr auf ihren Posten zurück. Bis zur Stunde war noch kein bewohntes Gebäude beschädigt; bald begannen auch hieran die tobenden Wellen ihr Zerstörungswerk. |
| Das dicht am Flusse gelegene, durch keine Ufermauer geschützte, von zwei Familien bewohnte Bahnwärterhaus ist das erste, welches der entsetzlichen Gewalt weicht. Der Berichterstatter war eben auf dem Wege nach dem Bahnhofe, um hier nach dem Ergehen der Bewohner zu sehen, als man ihn aus dem Hause des Bäckers mit Handbewegungen - ein Wort war nicht mehr zu verstehen und die Häuser an der Straße waren völlig von der Flut eingeschlossen - auf das Bahnwärterhaus aufmerksam machte. Teilweise durch das Wasser watend vermochte er sich Bahn zu schaffen. Schon war man damit beschäftigt, die Familie des Bahnwärters Ufer aus dem gefährdeten Haus zu retten. Im rechten Augenblick hatte der Pfarrer des Nachbardorfes Burkhardswalde, Dr. Dietterle, von der Gefahr benachrichtigt, kurz entschlossen stürmen und durch etliche kräftige Männer zusammenrufen lassen. Unter der Führung ihres mutigen Pfarrers und in Begleitung des Arztes Dr. Schlauch, kamen diese Braven gegen 1 Uhr in Weesenstein an .Nächst dem treuen Gott, der die mutigen und selbstlosen Retter beschützte, dankte ihnen mancher Weesensteiner seine Rettung. Unter Zuhilfenahme von Leitern und einer Leine - es war die dem zu langem Stillstande verurteilten Güterzuge entnommene Zugsleine - gelang es, die geängsteten und jammernden Insassen über das zwar nicht breite, aber reißende Wasser zu befördern und au bergen. Es waren vier Frauen und zwei Männer; darunter der alte Vater des einen Bahnwärters. Sie fanden ein vorläufiges Unterkommen in einem kleinen, von der Post gemieteten Häuschen, welches von unserm menschenfreundlichen Postverwalter V. sofort zur Verfügung gestellt wurde. Am Tage nach der Hochflut schenkte hier eine der geretteten Töchter des Bahnwärters U. einem Kinde das Leben. |
| Von hier aus zog die Rettungsmannschaft, der einige Weesensteiner sich anschlossen - die meisten konnten nicht über die Fluten gelangen - nach dem oberen Teile des Dorfes, um hier die Bewohner der gefährdeten, rings von der brausenden Flut eingeschlossenen Häuser zu retten. Die Flut hatte nach 2 Uhr ihren Höchststand erreicht und die um diese Zeit sich nötig machende Rettung vieler Menschenleben war nur unter großen Schwierigkeiten, teilweise nur mit Lebensgefahr zu ermöglichen. Von einer dicht hinter dem Gasthofe gelegenen wasserfreien Stelle aus wurde der Übergang über die von einem reißenden Strom überflutete Chaussee versucht. Mit großer Mühe wurden zwei lange Leitern vorgeschoben und über das Wasser gelegt; ein stehengebliebener Mühlwagen diente als Stützpunkt. Mehrere beherzte Feuerwehrleute aus Burkhardswalde wurden an Seilen befestigt und wagten an den Leitern sich festklammernd durch die Flut vorzudringen. Mit ängstlicher Spannung folgen die Blicke der Anwesenden den kühnen Rettern. Der erste gelangt glücklich bis an das Haus des Müllers Ryssel; behend klettert er am Spalier empor und erreicht die geängsteten Hausbewohner, welche sich alle in den ersten Stock haben flüchten müssen. Ehe die Rettung beginnt, schallt eine Trauerbotschaft von oben herab, welche allen durchs Herz dringt. Nicht die gurgelnden Wellen selbst, aber der Schreck und die Angst um ihren durch das Wasser an der Heimkehr gehinderten Mann, der nur wenige Schritte von ihr in der Schloßmühle arbeitet, die Sorge um ihre fünf Kinder, deren jüngstes drei Tage alt ist, haben die Frau des Bäckergehilfen Saitsacher getötet. Der so jäh zum Witwer gewordene bricht fast zusammen, als man ihm die traurige Kunde bringt. Unseres Gottes Gedanken sind höhere als unsere Gedanken und seine Wege, die so unerforschlich sind, sind andere als unsere Wege! 13 Personen, Erwachsene und Kinder, wurden aus diesem Hause gerettet, als letzte barg man die Leiche; auch sie mußte durch das Fenster des ersten Stockes in Sicherheit gebracht werden. Den düsteren Gedanken lange nachzuhängen war keine Zeit. Völlig durchnäßt zog die wackere Retterschar weiter. Zunächst wurde der Gemeindevorstand Müller mit seiner Tochter auf einer Leiter aus dem ersten Stock seines dicht an der Dorfbrücke auf dem linken Ufer liegenden alten und baufälligen Hauses geholt. Die Gemeindekasse findet ein Plätzchen im Pfarrhause; der Gerettete findet in der Schule ein Unterkommen. In dem ebenfalls dicht an der Brücke auf dem linken Ufer gelegenen, durch die zum reißenden Strom gewordene Dorfstraße völlig isolierten Hause des Fräulein Ida Zschäckel waren drei Dresdener Kinder als Ferienbesuch eingekehrt. Es gelang, sie mit ihrer Tante zu retten. Jammernd und weinend wurden die beiden Kleinsten, zwei und vier Jahre alt, von Arm zu Arm über die tosende Flut gereicht, bis sie der Berichterstatter in die Pfarre trug. Bald waren hier Schrecken und Angst vergessen, und sorglos spielten die eben der Todesgefahr entgangenen in der Studierstube des Pfarrers, an deren Fundamenten die Fluten ihr heimliches Zerstörungswerk bereits begonnen hatten. |
| Noch waren die Bewohner eines alten, der Papierfabrik gehörenden Arbeiterhauses zu retten. Auch sie wurden alle, 18 an der Zahl, mit Mühe, aber ohne Unfall dem nassen Elemente entrissen. Es waren die Familien Thomas, Bretschneider und Sodann. Es war ein herzzerreißender Anblick, die jammernden, um ihr Heim und ihre Habe besorgten, durchnäßten und frierenden Dorfbewohner bei einander zu sehen, die nichts hatten retten können, als das nackte Leben. Von 5 Uhr an begann die Flut, bei deren Höchststand das Wasser reichlich 2 1/2 Meter über normal gestanden hatte, zu sinken. Erleichtert und dankbaren Herzens atmeten alle auf; glaubte man doch, daß die Gefahr vorüber wäre. Ununterbrochen regnete es indessen weiter; gegen 1/2 6 Uhr zeigten sich auf der Höhe des sog. Abendfriedens blinkende Helmspitzen. Die telegraphisch schon im Lauf des Vormittags erbetenen militärischen Hilfsmannschaften trafen ein; sie hatten auf Umwegen über die Höhen marschieren müssen, um Weesenstein zu erreichen. Völlig durchnäßt kamen die Wackeren an; am Gottesacker vorüber marschierend gelangten sie ins Dorf. Hier geboten die Fluten für einen Augenblick halt. Doch rasch wird das 1/2 Meter tiefe Wasser durchschritten und auf der mit Anstrengung erreichten Chaussee dringen die Soldaten nach dem am meisten gefährdeten, oberen Teile des Dorfes vor. Es war ein beruhigendes Gefühl, für die Nacht eine solche Hilfe im Orte zu haben. Nach kurzer Erholungspause wurden Posten ausgestellt und die stark gefährdete Dorfbrücke gesperrt. Eine Abteilung ging daran, das alte Ehepaar Reinhardt aus dem am oberen Ausgang des Dorfes gelegenen Gemeindehause zu retten. Dieses kleine Häuschen lag ungefähr 100 Schritte vom Gasthofe entfernt; um es zu erreichen, war ein Umweg von 1/4 Stunde über die Höhen notwendig. Unter Benutzung der Eisenbahnbrücke gelangten die Soldaten bis an die Hüften durchs Wasser watend, an das stark bedrohte Häuschen. Das Erdgeschoß, welches die Wohnungen für zwei Familien enthielt, war anderthalb Meter hoch unter Wasser gesetzt. Der alte Reinhardt, ein Greis von 78 Jahren, hatte sich mit seiner Frau in die Bodenkammer geflüchtet und sich, auf seinen Gott vertrauend, der allein noch helfen konnte, zu Bett gelegt. Aufs höchste erstaunt sieht er plötzlich die Uniformen vor sich; erst auf ernstliche Vorstellungen hin läßt er sich von den mutigen Rettern durch die Fluten tragen. Nur notdürftig bekleidet, mußten die alten Leute die Höhen erklettern und ein außer Gefahr befindliches Haus zu erreichen suchen. |
| In der Mitte des Dorfes sah es trostlos aus. Alle Häuser standen unter Wasser. Ein Verkehr von einem Hause zum anderen war undenkbar. Hier sank ein Baum in die Flut, da wurde ein Gartenzaun fortgerissen; hier stürzte eine Mauer ein, dort wurden Holzstöße, welche den Wintervorrat enthielten, ausgehoben und fortgetrieben. In den so plötzlich verlassenen Wohnräumen tanzten die Möbelstücke bunt durcheinander .Nur vier Häuser außer dem Schlosse sind vom Wasser ganz frei geblieben. War bis dahin der Schaden an Gebäuden noch ein verhältnismäßig geringer geblieben, nur das Bahnwärterhaus hatte eine Ecke eingebüßt, so sollte die Nacht das Zerstörungswerk in furchtbarer Weise sich vervollständigen sehen. |
| Als erstes Opfer forderte die entsetzliche Flut das alte Pfarrhaus. Dasselbe lag dicht an dem rechten Müglitzufer und schien sehr massiv gebaut zu sein. Von der Pfarre bis zur Dorfbrücke zog sich, durch eine 2 Meter hohe Mauer befestigt, der Pfarrgarten mit dicht bewachsener Laube an der Müglitz hin. Bereits am Nachmittage hatte das Wasser einen Teil des Gartens überflutet und die Hausthüre umspült, so daß sich der Berichterstatter gezwungen sah, die beiden Kinder seiner als Besuch im Hause weilenden Schwägerin ihrer Mutter durch das Parterrefenster zuzureichen und in das Schloß tragen zu lassen. Da niemand an die Möglichkeit eines Einsturzes dachte und nur das Hereintreten des Wassers in die Räume des Erdgeschosses gefürchtet wurde, wurden alle Möbel nach dem ersten Stock gebracht. Da gegen Abend das Wasser zurückging, da sogar der Pfarrgarten wieder völlig wasserfrei war, kehrten die Kinder mit ihrer Mutter vom Schlosse zurück in die Pfarre, wo unterdessen die gerettete Fräulein Zschäckel mit ihren 3 Nichten Unterkommen gefunden hatte. |
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| Infolge des trüben, regnerischen Wetters brach die Nacht bald herein. Von 8 Uhr an begann das Wasser aufs neue zu steigen. Überall zeigten sich auf Befehl des Offiziers Lichter an den Fenstern; Laternen bewegten sich durch die rabenschwarze Nacht. Unheimlich tosten die immer höher anschwellenden Fluten, immer grauenvoller wurde die Lage der Dorfbewohner. Die Kinder wurden zu Bett gebracht. In kurzen Zwischenräumen leuchtete der Berichterstatter im Garten nach dem Wasserstand. Nachbarn fanden sich ein, ein Soldat wurde als Posten aufgestellt. Gegen 11 Uhr stand der Berichterstatter mit seiner Frau und mehreren Nachbarsleuten vor der Hausthüre, als mit einem furchtbaren Krach der Holzschuppen, der zugleich die Kohlenvorräte barg, in die Fluten stürzte. Zweimal wurde er wie ein Kreisel um sich selbst gedreht, dann war er spurlos verschwunden. Jetzt stieg die Gefahr auch für das Pfarrhaus selbst. Sofort wurden die Kinder geweckt und im Nachtkleidchen so schnell als möglich wieder in das Schloß gebracht. Sie fanden alle freundliche Aufnahme bei dem Prinzlichen Schloßverwalter; hier schliefen sie gar bald wieder den sorglosen Schlaf der Jugend. Die Wassermassen hatten nach dem Einsturz des Schuppens freie Bahn und wählten die vorstehende Ecke des Hauses zu ihrem Ziel. Gegen 3/4 12 Uhr, bei strömenden Regen, in stockfinsterer Nacht stürzte der an der Müglitz gelegene Teil des Parterre ein. Das Studierzimmer und das Gaststübchen, in welchem wenige Minuten vorher noch drei Kinder geschlafen hatten, hing über den entfesselten Fluten. In größter Eile wurden einige Soldaten herbeigerufen und Dank ihrer Furchtlosigkeit und ihrer unerschrockenen Hilfe wurden die beiden Zimmer, die sich fortwährend senkten, in welchem unter unheimlichen Knistern der Kalk von der Decke bröckelte, fast vollständig ausgeräumt. Kaum war der letzte Soldat mit einer Matratze auf dem Rücken über die Schwelle nach dem Vorsaal getreten, als die beiden Zimmer mit donnerähnlichem Krachen zusammenbrachen. Der darüber befindliche Bodenraum stürzte bald nach. Wie durch ein Wunder ist niemand zu Schaden gekommen; in größter Lebensgefahr schwebten alle Insassen des Pfarrhauses, ohne daß sie es ahnten. Mit schwerem Herzen, aber doch mit Dank gegen Gott den Herrn ,der seine Hand über alle hielt, daß sie nicht in den Fluten umkommen durften, galt es schnell Abschied nehmen von der Stätte, welche seit zwei Jahrhunderten manchen Pfarrer in ihren Mauern beherbergt hatte, welche die Geburtsstätte des nachmals berühmten Sprachgelehrten Hermann Sauppe wurde, der hier am 9. Dezember 1809 das Licht der Welt erblickte, welche auch dem gegenwärtigen Pfarrer mit seinem Weibe während dreier glücklicher Jahre zum liebgewordenen Aufenthalte diente. Durch einen Posten wurde der Zugang zur Pfarre gesperrt. Im Schlosse fand der Pfarrer für die Nacht ein Unterkommen bei dem Schloßverwalter; später wurde ihm von Sr. Königl. Hohheit dem Prinzen Georg eine interimistische Amtswohnung hoch oben im Schlosse überlassen, eine herrliche Zimmerflucht dicht neben der Kirche. |
| Sobald der Tag graute, ließ sich die Verwüstung übersehen. Ganz Weesenstein sah entsetzlich aus. Das Haus des Müllers Ryssel, aus welchem am Nachmittage des 30.Juli die Bewohner gerettet worden waren, lag in Trümmern; die gesamte Habe der Bewohner war im Schutt begraben oder von den Fluten fortgeführt. Das Gemeindehaus war bis auf die Hinterwand verschwunden. Da, wo früher Chaussee war, gähnte dem Wanderer ein viele Meter breites,2 Meter tiefes Trümmerfeld entgegen, in dessen Mitte der Dachstuhl des Gemeindehauses lag. |
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| Der Pfarrgarten war zur Hälfte verschwunden, die Laube mit ihm. Das Hintergebäude des Nachbarhauses war völlig zertrümmert; das Haus des Kaufmanns Schäfer war unterwaschen, der Laden teilweise eingestürzt; beides mußte sofort geräumt und konnte erst viele Wochen später wieder bewohnt werden. Mehrere hundert Meter weit war die Müglitz weit ins Land hereingetreten und hatte den zum Schlosse gehörigen Wiesenplan weggespült. Die Chausseebrücke an der Schule war eingestürzt, das Bahnwärterhaus zur Hälfte zerstört. Alle Wege waren von tiefen Rissen durchzogen; die Gärten und Wiesen schauerlich zugerichtet. Die dicht an den Häusern mitten durch das Dorf führende Eisenbahn war schrecklich verwüstet. Der Oberbau war ausgewaschen, nur die an den Schwellen befestigten Schienen lagen noch an ihrer Stelle, an vielen Stellen verbogen und auf die Seite gedrückt. Ein Fortkommen auf der Dorfstraße war fast unmöglich; nur von Schwelle zu Schwelle springend konnte man auf dem ehemaligen Bahnkörper vorwärts gelangen. Alle Häuser und Keller lagen voll Schlamm. Die Bäckerei am Bahnhofe war durch Wasser und Schlamm schwer geschädigt;l4 Tage lang war der Betrieb gestört; viele Centner Mehl waren verdorben. Ebenso hatte die Schloßmühle großen Schaden durch verdorbenes Getreide; auch hier mußte eine Zeit lang der Betrieb ruhen. Am trostlosesten sah es unterhalb des Bahnhofes aus; hier hatten die Fluten mit Riesenkraft gehaust. Die Chaussee und die Eisenbahn waren verschwunden. Die abgebrochenen Geleise hingen verbogen in die Fluten herab; die Müglitz hatte ihr altes Bett wiedergefunden und gurgelnd schossen dort die schmutzigen Wellen dahin, wo sonst sich ein reger Fahrverkehr entwickelte. Die Flinsch'sche Wiese mit ihrer Obstbaumkultur war ein Stein- und Geröllhaufen geworden; die Wiese des Zimmermanns Zschäckel war vernichtet. An den Flußufern entlang türmten sich hohe Trümmerhaufen auf; hier lagen in krassem Durcheinander Bäume, Balken, Möbelstücken, Betten, Thüren, Fenster, Bücher aus der Pfarrbibliothek, Schränke, Kisten, Koffer, Kleider, Wäsche, Bilderrahmen, zerbrochene Waschfässer, Körbe, Fahnenmasten u.s.f. Wie manches alte Möbelstück, an dem sein Besitzer mit Liebe hing, mit welchem sich Erinnerungen an vergangene Zeiten und Generationen verbanden, ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden! Wie bitter war es für viele Familien, plötzlich aller Habe, aller Kleider, aller Lebensmittel beraubt zu sein. Weesenstein hat schwer gelitten und seine Bewohner sind fast ohne Ausnahme hart betroffen worden. Kaum glaublich ist es, daß Einwohner benachbarter und verschont gebliebener Ortschaften die Not und das Elend ihrer Mitmenschen benutzen können, um von der den Fluten zum Raube gefallenen Habe an sich zu reißen, was sie in der Schnelligkeit bekommen können. Und doch hat sich dieser gemeine Zug gefühlloser Herzen auch in Weesenstein gezeigt. Von den benachbarten Höhen kamen am Morgen des 3l.Juli viele Bewohner nahe gelegener Dörfer und rafften von Betten, Wäsche und dergl. zusammen, soviel sie konnten, um dann unter Hohn- und Spottreden gegen die Verlustträger schleunigst davonzueilen. Da alle Verkehrswege fürs erste unterbrochen waren und selbst der Telegraph zerstört war, war Weesenstein völlig isoliert. Erst am Nachmittag des 31.Juli stellten die Grenadiere einen Notweg unterhalb des Bahnhofes her, der es ermöglichte, die Straße zu erreichen. |
| Schon am Nachmittage des 3l.Juli traf der hohe Patron von Weesenstein, Sr. Königl. Hoheit Prinz Georg mit den Prinzen Friedrich August und Albert und mit Prinzessin Mathilde von Pirna kommend in Weesenstein ein und sprach, sichtlich bewegt durch das große Elend, vielen Bewohnern seine Teilnahme aus, nachdem er selbst dieses und jenes zerstörte oder von Schlamm gefüllte Haus besichtigt hatte. Der Prinz selbst ist am empfindlichsten betroffen. Vor allem ist der schön gepflegte und in diesem Jahre besonders freundlich hergestellte Schloßgarten gänzlich verwüstet worden. Nur hier und da ragen einige Rosenbäumchen aus dem eintönigen Grau des Schlammes und Sandes hervor, der den gesamten Garten mit einer Decke überzogen hatte. Die Umfassungsmauer war an mehreren Stellen dem Druck des Wassers gewichen; die Wohnung des Schloßgärtners wurde verheert; die weiten Rasenflächen des Parkes glichen Trümmerfeldern; die Ufermauern waren stark beschädigt. Auch außerhalb dieses Schloßgartens ist dem hohen Besitzer der Herrschaft Weesenstein ein bedeutender Schaden erwachsen; derselbe beläuft sich auf über 60 000 Mark. |
| Am 1. August konnte kein Gottesdienst gehalten werden. Alle Gemeindeglieder waren noch damit beschäftigt, ihre Wohnungen zu räumen, die noch vorhandenen Möbelstücke notdürftig vom Schlamm zu reinigen, die Verbindung zwischen den Häusern einigermaßen herzustellen. Bis zum Nachmittag des 1. August wurden sie von den Soldaten, die z.B. auch am Sonnabend mit großer Geschicklichkeit das Pfarrhaus geräumt hatten, unterstützt. Leider verließ das Kommando schon an diesem Tage unsern Ort, obgleich mancher gehofft hatte, daß, wie in Geising und Glashütte, die Aufräumungsarbeiten noch länger durch militärische Hilfe gefördert werden würden. gleichwohl folgte der herzliche Dank der Gemeinde den Leuten; ohne ihre thatkräftige Unterstützung wäre der Verlust für manchen zweifellos bedeutender geworden. So schnell als möglich suchte die christliche Nächstenliebe die erste und größte Not zu lindern. Es mußte für Lebensmittel und Feuerungsmaterial gesorgt werden; beides fehlte vielfach. Schon S.K. Hoheit der Prinz Georg spendete eine größere Summe zu sofortiger Verteilung, Prinzessin Mathilde ebenfalls. Der Berichterstatter nahm seine Kollektenbüchse aus der Kirche und sammelte während der ersten Tage nach der Hochflut eine ansehnliche Summe, die durch bekannte und unbekannte Freunde aus der Nähe und Ferne bald vergrößert wurde. So konnte doch fürs erste die Not einigermaßen gelindert werden. Alle Gaben waren für die Weesensteiner Wassergeschädigten bestimmt und gelangten, ebenso wie die bald eintreffenden Sendungen an Kleidern, Schuhen u.s.w. sofort zur Verteilung. Allen freundlichen, teilnehmenden Spendern ist die Kirchgemeinde Weesenstein zu herzlichstem und dauerndem Danke verpflichtet. Den Anfang zur Sammlung für Weesenstein machte noch am Abend des 30.Juli Pastor Dietterle in Burkhardswalde, der so schnell als möglich Kleider, Eßwaren und Geld zusammenbrachte, und dem noch in seiner Pfarre weilenden Berichterstatter zur Verteilung zuschickte. |
| Der Schaden, welchen die Hochflut über unsern Ort gebracht hat, beziffert sich folgendermaßen: a. Gemeinde: 6287 Mark. b. Private: 1.An Gebäuden, Zäunen und Einfriedigungen 40 349 Mark; 2. an Grundstücken, Ackern, Wiesen und Gärten 12 211 Mark; 3. an Feld- und Gartenfrüchten 489 Mark; 4. an sonstigen Gegenständen (Möbel, Waren, Maschinen) 14 272 Mark. Das ergibt eine Gesamtsumme von 67 321 Mark! Ein ganz bedeutender Schaden, bei welchem der Schaden der Gutsherrschaft und am Pfarrgrundstück nicht gerechnet ist. Die Pfarre muß durch ein neues Gebäude ersetzt werden. |
| Am 8.August war die größte Aufregung soweit überwunden, war die Ordnung notdürftig soweit hergestellt, daß ein Gedächtnisgottesdienst gehalten werden konnte. Tief erschüttert versammelte sich die Gemeinde in dem hoch gelegenen Gotteshause im Schlosse... Bald nach der Katastrophe kamen hunderte von Arbeitern, um Notbrücken, Ufermauern zu bauen, um Wiesen und Felder vom Schutt zu befreien, um die beschädigten Häuser wieder bewohnbar zu machen. Heute ist der Verkehr beinahe wieder der frühere und, so Gott will, wird eine Wunde nach der anderen verheilen. Dazu helfen auch in ihrer Weise die nach Weesenstein gelangten Unterstützungsgelder des Staates und des Landeshilfskomitees. Bis jetzt sind über 18 000 Mark teils zur Verteilung gekommen, teils zinsbar angelegt worden, um denen ausgezahlt zu werden, welche ihr zerstörtes Haus im Frühjahr wieder aufbauen wollen. |
| letzte Aktualisierung: 24.09.2002 email: Webmaster@Mueglitztal-Flut.de |