Sächsische Zeitung (Lokales Pirna ), 07.09.02

Hochwasser-Opfer stellen Strafanzeigen

Vorwürfe: fahrlässige Tötung, unterlassene Hilfeleistung / Staatsanwalt ermittelt

Nach der Flutkatastrophe im Müglitztal vor knapp einem Monat erheben die Opfer weiterhin Vorwürfe, vor den Wassermassen nicht gewarnt worden zu sein. Während der Landkreis die Kritik am Katastrophenmanagement zurückweist, drängen Betroffene und Politiker auf eine Aufklärung.

Domokos Szabó

"Eine einzige Warnung hätte gereicht." Die Weesensteinerin Daniela Schüler ist fassungslos. Ihr geht nicht in den Kopf, warum an jenem verhängnisvollen 12. August die Einwohner im Müglitztal in Stich gelassen wurden, wie sie sagt. Obwohl Landrat Michael Geisler (CDU) um 15 Uhr Katastrophenalarm ausgelöst hatte, wurde der kleine Ort am Fuße des Schlosses von den Rettungskräften offenbar vergessen. Die traurige Bilanz der Katastrophe: Zwei Weesensteiner starben in den Fluten, acht Häuser riss die Müglitz mit sich, weitere müssen aufgrund der Schäden abgerissen werden.

Einige Weesensteiner harrten eine ganze Nacht lang auf Hausdächern aus, bis am Dienstagmorgen Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes den Ort evakuierten. Das Bild der Familie Jäpel, die viele Stunden auf einer vom Wasser umspülten Mauer verbrachte, ging um die Welt. Auch im Oberen Elbtal regt sich Kritik am Katastrophenschutz, suchen Flutgeplagte nach Schuldigen. Der Staatsanwaltschaft in Pirna flattern Tag für Tag neue Anzeigen ins Haus, so Oberstaatsanwalt Frank Heinrich. Die Vorwürfe lauten unter anderem: unterlassene Hilfeleistung, fahrlässiges Herbeiführen einer Überschwemmung und fahrlässige Tötung. Sechs Verfahren gegen Unbekannt seien bereits eingeleitet worden. Entgegen einem Zeitungs-Bericht stünde aber Landrat Geisler nicht im Mittelpunkt des Interesses der Justiz, betont Heinrich. "Wir sind erst am Anfang der Ermittlungen, sie stehen auf breiter Basis", heißt es.

Landrat beauftragt Anwaltskanzlei

Wie auch immer, der Landrat wartet nicht, bis der Staatsanwalt an seine Tür klopft. Er beauftragte Rechtsanwalt Hans Hüsken, zugleich Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion, die Kreisbehörde zu vertreten. Als seine erste Amtshandlung durchforstete Hüsken die Tagebücher der Rettungsleitstelle und andere Protokolle vom 12. August. Sein Fazit: "Es wurde getan, was getan werden konnte."

Dabei decken seine Recherchen erhebliche Defizite auf. So rief der Weißeritzkreis bereits 13.35 Uhr Katastrophenalarm aus, ohne darüber den Landkreis Sächsische Schweiz zu informieren, wie Hüsken sagt. Nur durch private Kontakte hätte die Behörde in Pirna erfahren, was auf die Gebirgstäler zuraste. Erst anderthalb Stunden nach dem Weißeritzkreis wurde in der Sächsischen Schweiz Katastrophenalarm ausgelöst.

"Doch wir haben davon nichts erfahren", sagt ein Weesensteiner. Schlimmer noch: Selbst als das Wasser da war, verhallten die Hilferufe der Opfer. Die Rettungsleitstelle in Dresden fühlte sich nicht zuständig, Pirna war hoffnungslos überfordert. Der Bürgermeister von Müglitztal, Jörg Glöckner (CDU), entgegnet: "Hier ist was geschehen, womit keiner gerechnet hat." Und Rechtsanwalt Hüsken pflichtet ihm bei: "Keiner hat daran geglaubt, dass so etwas möglich sei." Individuelle Fehler vermag Hüsken beim Landkreis nicht zu erkennen.

Sein PDS-Kollege im Kreistag, André Hahn sagt: "Wer am Notfalltelefon erklärt, er sei nicht zuständig, obwohl es um Leben oder Tod geht, gehört entlassen." Der Politiker fordert Aufklärung über die Arbeit der Behörden während der Katastrophe. Außerdem gebe es nach Hahns Ansicht zu viele Verantwortliche im Hochwasserschutz. "Das muss schief gehen." Auch Hüsken kritisiert das "fehlende Zusammenspiel über die Kreisgrenzen hinweg". Und in Weesenstein denken jetzt einige an das DDR-Alarmierungssystem mit seinen verschiedenen Warntönen für Gefahrensituationen zurück. Auch wenn am 12. August das Wasser schnell kam, die Sirenen waren in Weesenstein funktionstüchtig. KOMMENTAR