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Sächsische Zeitung (Seite3/ Natur und Technik ), 02.09.02

Wiederaufbau- Geschwätz ums Geld

Weesenstein an der Müglitz wurde zum Symbol der Flutkatastrophe, bekommt deshalb viele Spenden und damit vielleicht auch ein Problem

Jörg Marschner

Wer bisher an Weesenstein dachte, der sah auf dem Felsen das majestätische Schloss mit seinem hoch aufragenden Turm und darunter ein schmuckes Dorf. Wer jetzt an Weesenstein denkt, der hat vor seinem Auge eine einzelne, letzte Mauer in der reißenden Müglitz, und auf der sitzen vier verzweifelte Menschen in Todesangst: der Maurer Heiko Jäpel, Oma Sieglinde und die Kinder Ronnie und Silvana. Immer wieder wurde dieses Bild gezeigt und damit Weesenstein in Deutschland zu einem Symbol für die verheerende Flutkatastrophe. Wer spricht an Rhein und Ruhr, an Ost- und Nordsee schon von Dohna und Glashütte, von Kipsdorf, Schmiedeberg und Ulberndorf?

In Weesenstein rief sogar eine Frau aus Luxemburg an und sagte, dass sie mit ihren Kindern besprochen habe, die Ausgaben für Weihnachtsgeschenke zu kürzen und dafür eine neue Waschmaschine auf den Weg nach Weesenstein zu bringen. Das Bild der vier Verzweifelten, die in der tosenden Flut eine Nacht lang auf die Rettung per Hubschrauber warten mussten, hat viele so gerührt, dass sie Familie Jäpel direkt helfen wollen. Bürgermeister Jörg Glöckner erzählt, wie ihn eine ihm unbekannte Frau bat, Herrn Jäpel einen Briefumschlag mit Geld zu übergeben. Glöckner machte das und Heiko Jäpel sagte: "Denk auch an die anderen."

Die Spendensache ist ein ganz heißes Eisen

Das war in der ersten Woche nach der Flut. Später lief ein Mann mit 15 000 Euro durch den Ort und verteilte die Scheine ziemlich wahllos, wie manche Beobachter meinen an Flutopfer. Eine Feuerwehr in den Altbundesländern hatte das Geld gesammelt. Eine Geschäftsfrau aus Melsungen bei Kassel übergab Familie Jäpel einen stattlichen Betrag ganz vieler treuer Spender. Ein Schützenverein aus dem Rheinland schickte seinen Abgesandten mit einigen tausend Euro zu Jäpels. Und ein Fernsehsender soll der Familie ein neues Haus versprochen haben, sagt man im Ort.

Mittlerweile sind schon einzelne Stimmen zu hören, dass Jäpels zu viel kriegen. "Was wird mit den anderen neun Familien, deren Haus auch weggespült wurde? Bei mir ist ebenfalls das Wasser durchs Haus gegangen", sagt ein Mann im Verpflegungsstützpunkt der Helfer direkt unterhalb des Schlosses. Seinen Namen will er nicht nennen, sonst stehe er noch als Neider da. Gunter Maschke, Bauunternehmer und Mitglied im Krisenstab, bestätigt: "Die Spendensache ist ein ganz heißes Eisen." "Es gibt viel Geschwätz ums Geld", sagt Bürgermeister Glöckner. "Ich halt mich da raus." Dabei befindet sich auf dem Hilfskonto für Weesenstein auch schon eine ziemlich hohe Summe.

Es ist nicht so, dass den Bürgermeister die Verteilung dieser Gelder nicht interessiert, im Moment jedoch gibt es für ihn und seine Mannschaft Wichtigeres: Vierzig Häuser hatte Weesenstein, zehn hat die Flut der Müglitz geholt, nur drei blieben völlig trocken, bei den anderen sind die Schäden unterschiedlich groß. Anfangs gab es keinen Strom, kein Telefon, kein Wasser und Abwasser. Die meisten Wohnungslosen sind bei Verwandten untergekommen. Die Schulstraße zeigt sich weitgehend als Trümmerfeld, auch die durchgehende Talstraße ist zum großen Teil zerstört. Geschätzter Schaden alles in allem 40 Millionen Euro. Extrem viel Arbeit für Technisches Hilfswerk, Bundeswehr und Hunderte Helfer aus der Region, die mit Schaufel und kleinster Technik anrückten. Im Talbogen unterhalb des Schlosses hat die Müglitz riesige Berge abgelagert: Geröll, Erde, Häuserschutt, Schrott, Gehölze, Lebensmittel, Öltanks. Das muss schnellstens weg, um eventuellen Gesundheitsgefahren vorzubeugen und auch für möglich neue Unwetter gewappnet zu sein.

Also beginnt für den 40-jährigen Bürgermeister Glöckner jeder Tag um 7.30 Uhr mit der großen Beratung im Koordinierungsbüro im unversehrt gebliebenen Ort Maxen, oben auf dem Kamm. Anschließend die Fahrt zum Landratsamt in Pirna, Abstimmung mit dem Katastrophenstab des Kreises, durchboxen der Gemeindeinteressen, "das muss ich schon selbst machen, da kann ich keinen Vertreter hinschicken." Danach die konkrete Arbeit in Weesenstein und Mühlbach, das ebenfalls zur Gemeinde Müglitztal gehört. Dauerstress bis in den Abend.

Zwischendurch schauen die Töchter mal vorbei

Ein typischer Nachmittag sieht dann so aus: Oberbauleiter Czichon von der Firma Strabag informiert, dass das Straßenbauamt fordert, schon am kommenden Mittwoch im Ortsbereich die neue Asphaltdecke aufzutragen. Glöckner soll sichern, dass die Medienträger Baufreiheit garantieren. Schon spricht der Nächste dazwischen: "Wir kommen wegen Wasser ..." Ein Mann von der ESAG legt Varianten für die neu zu verlegende öffentliche Beleuchtung vor, und Glöckner soll entscheiden. Das will der Bürgermeister aber nicht alleine tun, zum Glück sind noch ein paar Tage Zeit bis zur Entscheidung. Zwischendurch schauen die zwei Töchter schnell mal vorbei, was der Vater macht. Der Bürgermeister von Hülben, was südlich von Stuttgart liegt, trifft ein ("er hat natürlich was mitgebracht", sagt Glöckner.) Und immer mal wieder klingelt das Handy: Ein Anruf vom Katastrophenschutz im Kreis freut den Bürgermeister besonders. Am nächsten Tag können sie einen leistungskräftigen Holzschredder einsetzen, der auch größtes Schwemmgut bis zu Baumstämmen verarbeiten kann. "Ist doch wieder was", sagt Glöckner, der sich dafür stark gemacht hat. Gegen 19 Uhr berät er noch mit der Feuerwehr über Arbeiten an drei Grundstücken. Einige Weesensteiner sind trotzdem unzufrieden mit ihrem Bürgermeister. "Sie sagen, ich würde mich zu wenig bei ihnen sehen lassen, aber ich kann mich nicht zerreißen."

Die Spendenproblematik lässt den Bürgermeister auch an diesem Nachmittag nicht los. Ein Mann aus Dresden-Hellerau spricht vor: Das Personal vom Kindergarten Tännichtweg und Eltern sammeln für Weesenstein. Das Geld soll eine Familie mit Kindern oder ein betroffener Kindergarten bekommen. Das delegiert Glöckner an eine seiner Mitarbeiterinnen. Komplizierter ist es mit den Sachspenden. Immer noch kommen Kleidung, technische Geräte, meist sehr ordentlich.

So gerecht und so transparent wie möglich

Aber auch das gibt es: Am Morgen landete in Weesenstein eine große Packung Schweißgeräte, super verpackt wie Neuware, aber Herstellungsjahr 1953 und damit wenig hilfreich. "Wir können nichts mehr annehmen, die Lager sind voll", sagt Glöckner. Möbel beispielsweise können die Hochwasseropfer noch gar nicht abnehmen. Erst müssen die überfluteten Wohnungen austrocknen.

Am Gemeindeamt hängt eine Notausgabe vom "Finckenfang", der Gemeindezeitung. Unter Punkt 3 informiert sie, dass "Formulare zur Erfassung der Geschädigten zur gerechten Verteilung der eingehenden Spendengelder" abgeholt werden können. Danach soll ein Finanz- und Spendenausschuss gebildet werden mit Leuten, die Ahnung haben und auch Vertrauen besitzen im Ort, sagt Glöckner. So transparent und gerecht wie möglich sollen die Spendengelder verteilt werden, aber es wird keine Liste am schwarzen Brett geben. Auch die Familiensituation, Leistungen der Versicherung und bisher erhaltene Spenden will man berücksichtigen. Logistisch seien sie aber noch nicht so weit, um die Spenden zu verteilen. Zugleich drängen Geschädigte auf Tempo. In der Schulstraße 6/7 etwa stehen die meisten Wohnungen leer, die Eigentümerin muss die Elektrik neu verlegen und braucht dringend Spendengeld oder einen Handwerker mit Solidaritätsleistung.

So wird wohl für den Bürgermeister die Situation in der nächsten Zeit nicht leichter werden. Baufachmann Gunter Maschke wäre bereit, im Spendenausschuss mitzumachen. Über die Tragweite dieser Arbeit ist er sich bewusst. "Wenn das nicht ordentlich läuft, gibt's nur Ärger und Krieg im Ort."

Bürgermeister Jörg Glöckner (li.), koordiniert mit seinem Team den Wiederanfang in Weesenstein, hier mit Handwerker Wolfgang Lommatzsch.Foto: SZ/Thomas Lehmann