Sächsische Zeitung (Lokales Bautzen ), 27.08.02

Hochwasserhilfe - Prägender als jede Unterrichtsstunde

Hilfstrupps mit Schülern vom Schiller-Gymnasium aus Bautzen unterstützen die Einwohner von Pirna beim Aufräumen

Die Menschen in den nicht von den Fluten erfassten Gebieten Sachsens lassen den Hochwasseropfern nicht nur materielle Spenden zukommen, sondern sie versuchen, auch selbst mit Hand anzulegen. So machten sich Schüler vom Bautzener Schiller-Gymnasium auf den Weg nach Pirna, um beim Aufräumen zu helfen.

Carmen Schumann

Die Berichte ihrer Mitschüler, die aus Pirna zurückkehrten, ließen den Zwölftklässlern des SchillerGymnasiums keine Ruhe. Auf ihr Drängen hin wurde kurzfristig mit der unbürokratischen Hilfe der Stadtverwaltungen in Bautzen und Pirna ein zweiter Hilfseinsatz organisiert. Auch Regio-Bus brachte nochmals zwei Fahrzeuge einschließlich Fahrer ins Rollen. Inzwischen war auch das Fernsehen auf die Aktion der Bautzener aufmerksam geworden. Doch das MDR-Team mit dem prominenten Moderator Marc Huster war den Schülern, die darauf brannten, endlich zum Einsatz zu kommen, eher lästig. Wegen den "Mätzchen" der Fernsehleute verzögerte sich nämlich die Abfahrt.

Die Abiturienten wollten ihr Bild, das sie durch die Fernsehberichte von den Ereignissen in der Elbestadt hatten, mit eigenen Augen überprüfen. Was das Fernsehen noch nicht vermitteln kann, sind ja auch die Gerüche und die ganze Atmosphäre. Der erste Eindruck: Ganz Pirna ist staubig. Jetzt, nachdem der Schlamm getrocknet ist, legt er sich als Staubschicht über die Straßen, Bäume, Autos. Die wenigen Pkw, die unterwegs sind, sind dick überpudert. Den Hauptanteil am Verkehr haben jedoch Fahrzeuge des THW, der Feuerwehr, Transporter. Überall an den Straßenrändern türmen sich Haufen mit unbrauchbarem Hausrat.

Am Büro der Pirnaer Wohnungsverwaltung, wo die Einsätze der Hilfstrupps koordiniert werden, bekommen einzelne Grüppchen ihren Einsatzort zugewiesen.

Ich schließe mich ein paar jungen Leuten vom ehemaligen Einstein-Gymnasium (jetzt Außenstelle vom "Schiller") an, die in die Siegfried-Rädel-Straße geführt werden. Hier ist ein Ärztehaus vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen worden: Glück im Unglück: Die radiologische Praxis mit den teuren Röntgengeräten und dem Computertomographen befindet sich im ersten Stock und blieb unbeschädigt. Dafür ist die chirurgische Praxis im Erdgeschoss total verwüstet. Hier sind Handwerker mit dem Entfernen des Wandputzes beschäftigt. Die Mitarbeiter der radiologischen Praxis erzählen uns, dass sie erst am Donnerstag mit den Aufräumarbeiten beginnen konnten, weil bis dahin trotz des Auspumpens immer wieder Wasser nachströmte. Das gesamte Archiv, das im Keller untergebracht war, ist hin. Alle Papiere liegen bereits total durchnässt auf einem Haufen im Hof. Das Regalsystem ist jedoch aus beschichteten Metall und noch zu retten. So schleppen die Jungs die Teile in den Hof, wo sie von den Sprechstundenschwestern und den Mädchen gesäubert werden. Ganze Batterien von Eimern und Wannen werden dazu benötigt, das Fit fließt in Strömen. Die Regalteile werden grob vorgereinigt, nachgewaschen und schließlich mit Chlorlösung desinfiziert. Danach werden sie zum Trocknen in die Sonne gelegt.

Zum Mittagessen werden die Bautzener in die Bahnhofstraße beordert. Unter Bäumen hat die Diakonie eine Verpflegungsstelle aufgebaut. Jeder, der vorspricht, bekommt auch etwas zu essen, so auch die zwei älteren Frauen, die im Haus nebenan wohnen. "Meine Wohnung ist im vierten Stock und in Ordnung, aber wir haben noch keinen Strom, so dass ich nichts kochen kann", sagt sie. Auf unsere Frage, was das für ein Flüsschen sei, das da vorbeifließt, erklärt sie, das sei die Gottleuba und fügt kopfschüttelnd hinzu: "Jetzt ist sie wieder ganz friedlich."

Am Sammelpunkt der Busse tauschen dann am Abend die einzelnen Trupps ihre Erfahrungen aus. Die Schiller-Schüler hatten den Keller einer Krankenkasse und eines Drogeriemarktes auszuräumen. Trotz der körperlich schweren Arbeit hätte keiner gemurrt, berichtet Heiko Rasch, Lehrer für Geschichte. Während bei der Krankenkasse ein durchnässtes Archiv in Müllsäcke gefüllt werden musste, waren es beim Drogeriemarkt die gesamten Lagerbestände, die auf den Müll befördert wurden. Die Verantwortlichen der beiden Geschäfte seien sehr dankbar gewesen, berichtet Heiko Rasch. Da noch Zeit blieb, wanderten die Schüler unaufgefordert zu einem benachbarten Café weiter. Dessen Besitzer hatte es besonders arg getroffen, denn nicht nur sein Restaurant, sondern auch seine Privatwohnung wurden verwüstet. Die verdorbenen Lebensmittel im Keller hätten nicht mehr sehr angenehm gerochen, aber auch dies ertrugen die Schüler mit bewundernswerter Gelassenheit.

"Wir können doch nicht einfach nur zu Hause sitzen und gar nichts tun", erklärten Johanna, Claudia und Romy und drückten damit aus, was alle dachten. Und Ethik-Lehrer Karsten Claus ergänzt: "Solche Erlebnisse aus erster Hand sind prägender als jede Unterrichtsstunde."

In Pirnas Straßen sind überall improvisierte Waschstationen aufgebaut, wo sich die Helfer zumindestens die Hände waschen können.Der Keller des Ärztehauses in der Siegfried-Rädel-Straße stand knöcheltief voller Schlamm und Wasser. Die Zwölftklässler des ehemaligen Einstein-Gymnasiums schleppten waschwannenweise den Schlamm heraus.Fotos (2): Carmen Schumann