>
| Sächsische Zeitung (Lokales Sebnitz ), 27.08.02 Fahren Sie nicht in unseren Dreck "Lichtblick" hilft mit 500 Euro einer Dohnaer Familie, deren Haus kaputt ist Magdalen Frank Dohna am Dienstag, dem 20. August, zwischen 15 und 18 Uhr. "Parken Sie Ihr Auto am Röhrsdorfer Schloss, wir holen Sie dort ab", empfehlen uns die Dohnaer, als sie hören, dass ein Kollege und ich zu ihnen kommen wollen, um "Lichtblick"-Spenden direkt an sie weiterzugeben. "Fahren Sie nicht in unseren Dreck!" Wir folgen dem Rat. Im Staub an der Müglitz fassen wir das Chaos ringsum nicht. Eine Frau zeigt uns ihr gerettetes Fotoalbum: "Da, sehen Sie, das ist unser Garten, hier spielt unser Ricardo!" Wir sollen nicht denken, dass das hier immer so aussah. Spuren der vor kurzem noch heilen Welt vermischen sich mit brutalster Zerstörung. Die Küche im ersten Stock eines Hauses hat es fortgerissen, die Dunstabzugshaube ist aber hängen geblieben, auf ihrer Umrandung aus Eiche stehen ordentlich die Gewürzgläschen. Eine Fußgängerbrücke steht ebenfalls noch, es ist die, hinter der ein Pool im Wasser liegt, wie uns ein Einheimischer den Weg beschreibt. Wir sehen nicht nur den schräg abgerutschten Pool, eine Ecke "seines" Hauses ist ebenfalls nicht mehr an ihrem Platz. An einem Mittelpfeiler der Brücke hängt das weißmetallene Gestänge eines Wintergartens. "Sein" Haus steht stromaufwärts auf der anderen Seite. "Motorradfahren im Hof ist verboten", befiehlt ein Schild. Wo ist hier ein Hof? Welcher Chaosarchitekt hat hier gewirkt? Welcher Performancekünstler sich verwirklicht? Welcher Narr herumgewütet? Geheimsache: Adressen von Hilfsbedürftigen Bewohner der zerstörten Häuser stapeln mit freiwilligen Helfern ihre übrig gebliebenen Wohnungseinrichtungen an einem imaginären Straßenrand. Dazu gehören auch die Spielsachen der Kinder, Einmachgläser mit Mirabellen, Computer, alles nass geworden, unbrauchbar, schweren Herzens weggeworfen. Die Greifer der Müllabfuhr sind schon unterwegs, puff, zwei Fernsehsessel erinnern an Pappkartons. Der Müll muss weg, Verseuchung droht. Wir steigen den Berg hoch zur Gemeindeverwaltung. Der wunderschöne Marktplatz liegt im Sonnenschein. Bürgerhaus, Kirche, Pfarramt, eine Idylle. "Unsere Stadt ist schuldenfrei", sagt ein Einwohner. Auch das eine Erinnerung an gestern. Das alte, herrschaftliche Dohna - Sitz der Burggrafen, die 1156 von Kaiser Barbarossa mit der Burg an der Müglitz belehnt wurden und dem Ort den Namen gaben - man spürt es noch, seinen Katastrophen zum Trotz: 1407 wegen einer Fehde zerstört, 1813 abgebrannt. Die letzte große Flut kam 1927. Wir wollen zum Bürgermeister, er ist mit seinem Seat im Städtchen unterwegs. Von der Frau Kämmerin in der Stadtverwaltung bekommen wir keine Hinweise auf extreme Härtefälle. Auch nicht vom Pfarrbüro schräg gegenüber. "Nein, wir dürfen keine Adressen herausgeben, erst muss getagt werden." Die erste Familie, die 500 Euro bekommen soll, finden wir auch so: Einem Haus fehlt die gesamte Front zum Fluss hin, innen sieht es entsprechend aus. Die Hausfrau kommt uns in Gummistiefeln entgegen. Beim Wort "Spendenaktion" fällt ihr das Gesicht zusammen. Sollte sie in der ersten Sekunde wirklich geglaubt haben, dass wir zu ihr kommen, um zu sammeln? Die Leute in Dohna halten im Moment alles für möglich, ihre Welt steht Kopf, sie ist aus den Fugen. Die überquellende Müglitz hat in Dohna verheerende Schäden angerichtet. Jetzt geht es auch in der Stadt ans Aufräumen. Zwischen Mutlosigkeit und Optimismus schwankt hier die Stimmung. Foto: M.Frank
|