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| Sächsische Zeitung (Seite3/ Innenpolitik ), 26.08.02 Sächsische Regierung: Ein kühler Kopf Vieles, was dem Ministerpräsidenten Georg Milbradt bisher als Schwäche ausgelegt wurde, wird in den Katastrophentagen zur Stärke Stefan Schirmer Auf dem Konferenztisch beim Landrat in Delitzsch stehen Lachsschnittchen. Der Rest der Veranstaltung am vorigen Freitag ist hartes Brot. Hausherr Michael Czupalla steht vor einer Landkarte und referiert über Leitstellen, Sonderkommissionen und Evakuierte aus Pflegeeinrichtungen. Es geht um Flussverläufe, Landesgrenzlinien und beschädigte Ortschaften, die der Besuch aus Dresden noch nie gehört hat aber konzentriert und bisweilen nachhakend zur Kenntnis nimmt. "Wir hatten ein Bürgertelefon mit zwei Apparaten eingerichtet", versinkt der Landrat in Details, "dann hatten wir vier. Jetzt sind wir wieder auf zwei Apparate runter." Langsam wird Georg Milbradt unruhig. Hopp, hopp, hopp, bloß kein Palaver! Es beginnt unten. Die Füße tippeln. Dann kneten die Hände, schließlich pegelt sich die Ungeduld in Kopfhöhe ein: Milbradt zieht den Mund breit wie beim Lächeln und schließt kurz die Augen. "In Torgau ...", hebt der Landrat an, da fällt Milbradt ihm ins Wort: "Ich war da, ich kenn die Problematik." Soll heißen: Bloß kein Palaver, nächster Punkt. Hopp, hopp, hopp! Wenig später eilt Sachsens Ministerpräsident wieder zum gepanzerten Jeep, sein Dienstauto in diesen Tagen. Er ist zufrieden mit dem Lagevortrag in Delitzsch; bei Ortsterminen anderswo haben sie ihm schon Landkarten vorgesetzt, die für Touristen gedacht sind. Nicht mal Höhenlinien waren drauf, erzählt Milbradt süffisant, während er schon wieder in Unterlagen blättert, ständig neue Informationen aufnimmt wie ein trockener Schwamm das Wasser. Ein mildes Lächeln; mehr hat er auch nicht für den suspendierten Bürgermeister eines abgesoffenen Dorfes übrig, den der Landrat im Lagevortrag erwähnte (Der war nicht vor Ort, hat auch sonst versagt). Natürliche Führerschaft in Stresssituationen Milbradt kennt da wenig Pardon. In diesen Katastrophen-Tagen schätzt er militärisch straffe Führung, der ungediente Politiker. Weil er in den Kriegswirren 1945 fälschlicherweise unter dem Vornamen Hermann registriert worden war, wurde er später nicht eingezogen. In Stresssituationen bildet sich natürliche Führerschaft, sinniert er auf dem Vordersitz seines Jeeps. Es ist wohl auch ein Kommentar zu sich selbst. Seit vor genau zwei Wochen als erstes die Erzgebirgstäler rasch in Wasserfluten versanken, ist bei Milbradt Führungsstärke gefordert wie bei kaum einem Landeschef zuvor. Als am 12. August die Wassermassen übers Müglitztal hereinbrachen, war der Ministerpräsident schon wenige Stunden später auf dem Weg dorthin. Beim Zwischenstopp am Privathaus auf einer Anhöhe von Dresden, wo er Gummistiefel holte, lief ihm seine Frau Angelika noch mit der Fernsteuerung für das Haustor nach. "Es wird bestimmt spät", rief sie. Diese erste Flutnacht wird Milbradt so schnell nicht vergessen. Erstmals sah der 57-Jährige mit eigenen Augen die zerstörerische Kraft der Sturzbäche aus dem Erzgebirge und strandete spät abends in Pirna. Durch das Fahren im Wasser war sein Wagen liegen geblieben, vergeblich schob der Regierungschef mit an. Bis Mitternacht saßen er und ein paar Begleiter, abgeschnitten vom Straßen- und Funkverkehr, an einer durch Stromausfall verdunkelten Tankstelle fest. Eine Angestellten brachte Brötchen und Knacker. Aber erst, nachdem man ihr erklärt hatte, dass der Ministerpräsident vor ihr steht und Barzahlung zugesichert war. Nach dieser nächtlichen Lähmung verlor Milbradt keine Zeit mehr. Er bildete einen Krisenstab, in dem er Führung durch Fragen ausübte, so ein Mitarbeiter. Milbradt trieb seine Fachleute durch bohrendes Nachfragen an: Brauchen wir wirklich keine Trinkwasser-Warnung? Wohin mit dem Katastrophenmüll? "Ist doch klar", sagt er, "Ober sticht Unter." Das Krisenregiment im Innenministerium war Chefsache. Der dortige Minister Horst Rasch (CDU), ein eher zurückhaltender Mann, rutschte ins zweite Glied. "Ist doch klar", sagt Milbradt, "Ober sticht Unter." Vier Mal täglich, zwischen morgens um acht und Mitternacht, traf sich die Krisenrunde. Grollend registrierte der Ministerpräsident, dass er fast immer dabei war, andere Beamte sich hingegen häufiger abwechselten. "Einige Leute im Land schienen anfangs den Ernst der Lage nicht zu begreifen", erinnert er sich während der Fahrt im Jeep. "Wir mussten sie mit Autorität in Tritt bringen." Milbradt murmelt etwas von Beamten, die ihren Acht-Stunden-Tag einhalten wollten. Er selbst schlafe derzeit nur vier bis sechs Stunden nachts. "Solange Stress ist, geht das gut." Wie ein Getriebener der Katastrophe besichtigt er, was die Flut angerichtet hat. So sieht man ihn täglich an mehreren Stellen Sachsens im Matsch waten. Er will bei den Leuten nicht als "Polit-Gaffer" gelten. Wie eine neue Dienstkluft trägt er daher meist Gummistiefel, eine schwarze Hose und ein rotes Polo-Shirt, von denen er gleich drei besitzt. Die Flut hat auch Teile des öffentlichen Bildes vom Politiker Milbradt eingerissen. Dem Nachfolger Kurt Biedenkopfs fehle es an Visionen, politischem Glanz und persönlichem Charisma, war der Pressetenor nach 100 Amtstagen erst vor wenigen Wochen. Seine Eigenschaften, die ihm damals angekreidet wurden, gelten nun als Guthaben: Pragmatismus, nüchterne Rationalität, Sinn für Details. Keine Kritik von der abgetauchten Opposition Selbst Sachsens Opposition, die in diesen Tagen abgetaucht scheint, findet derzeit wenig Schlechtes am Regierungschef. "Er ist präsent", lobt SPD-Fraktionschef Thomas Jurk verschwitzt, als er am Freitag im hochwassergeschädigten Landtag mit aufräumt. Indes, er wäre nur gerne mal direkt aus der Staatskanzlei informiert worden, fügt er an. Zudem fehle Milbradt die "landesväterliche Wärme", mit der er Mut machen und Zuversicht verbreiten müsse. "Milbradts bedächtige Art hat positiv gewirkt", sagt PDS-Chef Peter Porsch. "Die Katastrophe hat ihn in Form gebracht." Geschickt hat Milbradt Bundespolitiker der Reihe nach in die schlimmsten Flutgebiete gelotst. Für eine hochkarätige Delegation um EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, die über besonders viel Hilfsgelder verfügt, wurde eigens das extrem zerstörte Städtchen Weesenstein im Besuchsprogramm aufgespart. Wer die verheerenden Schäden gesehen hat, so das Kalkül der sächsischen Regierung, wird Hilfe nicht verweigern können. Als einer der ersten erklärte der Ministerpräsident die Beseitigung der Flutschäden zur nationalen Aufgabe. Sie ist auch Familiensache. Angelika Milbradt wird neben anderen einem Verein vorsitzen, der Spenden gerecht aufteilen soll. Der Sohn war Sandsäcke schippen, wie die Staatskanzlei zu verbreiten weiß. Dem befreundeten Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz, dessen Haus in Cossebaude abgesoffen ist, gewährt Milbradt bei sich Asyl. Schlamm-Scharmützel mit dem Dresdner Rathaus So lange Katastrophenalarm herrscht, haben die Handelnden in der Regierung Oberwasser. Doch ihr Chef sieht schon die nächste Welle auf sich zutreiben; eine Diskussion über mögliche Fehler. Auf die Landestalsperrenverwaltung rollt eine Flut von Kritik. Hochwasseropfer in Grimma wollen gegen den Freistaat klagen, weil sie nicht früh genug gewarnt worden seien. Staatskanzlei und Dresdner Rathaus liefern sich Schlammscharmützel. Milbradt (CDU) habe OB Ingolf Roßberg (FDP) in der ersten Flutnacht gegen zwei Uhr aus dem Bett klingeln müssen, damit er sich um Evakuierungen kümmert, heißt es auf der einen Elbseite. Stimmt doch gar nicht, blafft die Rathausseite zurück, der OB sei gerade auf dem Weg nach Hause gewesen, um sich umzuziehen, nach einer Besichtigung im ersaufenden Stadtteil Friedrichstadt. Auf beiden Seiten erreichte die Wut den Höchstpegel. Wieder um Nüchternheit bemüht, verkündet Milbradt nun bei jeder Gelegenheit: Manöverkritik gibt's später. Noch ist er in erster Linie ein Handlungsreisender. An Tag zwölf der Flutkatastrophe besucht er im Raum Delitzsch Orte, in denen die Mulde bis zur Dachrinne stand. Ein Deichgraf Georg, zu dem ihn manche in der Staatskanzlei gerne adeln würden, ist er nicht. Nach unzähligen Interviews der vergangenen Tage hat er Routine vor der Kamera gewonnen, doch noch immer wirkt er im Scheinwerferlicht oft hölzern und verloren. Sein brandenburgischer Amtskollege Matthias Platzeck, Star des Oderhochwassers 1997, kann sich besser in Szene setzen. Er habe leider nicht so lange Zeit gehabt wie Platzeck, um sich auf das Wasser vorzubereiten, stichelt Milbradt. Zum ersten Mal als Mensch im Dienst erlebt Er ist keiner, der von sich aus Flutopfern um den Hals fällt. In Eilenburg begrüßt er THW-Helfer nüchtern wie so oft: "Guten Tag, Milbradt mein Name, ich bin der Ministerpräsident hier und möchte Ihnen für Ihre Arbeit danken." Er sei emotional ein Kühlschrank, ätzten Parteikollegen vor den Fluttagen. Nun hört man aus der CDU-Fraktion angetan: "Wir haben ihn zum ersten Mal als Mensch im Dienst erlebt." Bei der Freiwilligen Feuerwehr Löbnitz ruft Milbradt herzlich: "Halten Sie die Ohren steif!" Dabei schaut er auf den Boden. Da kommt Elfriede Rawald mit einer Schubkarre vorbei, auf der Besen und Stiefel liegen. "Steigen Sie auf!", befiehlt die 74-jährige dem Politiker streng, "ich schiebe Sie in meine übergelaufene Laube rein und dann helfen Sie mit!" Milbradt schaut irritiert. Dann fängt er sich und stellt Fragen: "Ist denn die Mulde schon abgelaufen? - Hat's Schäden gegeben ... und der Müll, Tierkadaver und so?" Nun ist Elfriede Rawald irritiert. Aber auch besänftigt. "Ich bedanke mich erst mal für die Auskunft", sagt Milbradt. Und geht. Ministerpräsident in Gummistiefeln: Georg Milbradt, hier in Delitzsch, besichtigt unentwegt, was die Flut angerichtet hat. Ein "Deichgraf Georg", zu dem ihn manche in der Staatskanzlei gerne adeln würden, ist er nicht. Foto: Ronald Bonß
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