Sächsische Zeitung (Lokales Pirna ), 15.08.02

Helfer kämpfen unermüdlich

Elbe soll auf mehr als zehn Meter steigen / 80 000 Sandsäcke werden als Schutzwall aufgetürmt / Schulen bleiben bis Montag geschlossen

Im Landkreis jagt eine Katastrophe die nächste. Zwar gingen die Wasserstände von Gottleuba, Seidewitz und Müglitz zurück. Die Elbe schwillt jedoch trotz des äußerst hohen Pegelstandes noch weiter an.

Peter Hilbert

Schwere Technik, Abschleppfahrzeuge und Hunderte Helfer prägten gestern das Bild in Pirna, Heidenau, Dohna und vielen anderen Orten entlang von Gottleuba, Seidewitz und Müglitz. Für seine kleine Stadt muss Dohnas Bürgermeister Friedhelm Putzke (Freie Wähler) schon jetzt eine düstere Bilanz ziehen: Zehn Häuser sind stark beschädigt, ein weiteres Gebäude auf der Pestalozzistraße stand gestern Nachmittag kurz vor dem Einsturz. Im nahe gelegenen Weesenstein sind sogar sechs Häuser eingestürzt. Nicht anders sieht es bei Brücken aus. Nachdem zwei Fußgängerbrücken weggerissen wurden ist jetzt auch die Müglitzbrücke am Kuxberg gefährdet.

Geröll- und Schlammmassen haben auch weite Teile von Heidenau verwüstet. Das Gebiet zwischen Bahnstrecke und Elbe musste fast vollständig evakuiert werden, informiert Vize-Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU). Ein zeitweiliges Domizil fanden die Menschen in der Grundschule Mügeln und in Kindergärten. Gestern begann die Beräumung von angespültem Schlamm und Unrat. Im Müglitztal wurde dazu schwere Technik eingesetzt, teilte Landrat Michael Geisler (CDU) der SZ mit. Für die Einsatzkräfte wurde eine Zentrale im besonders betroffenen Weesenstein eingerichtet. Von dort aus agieren jetzt Feuerwehrleute mit Spezialtechnik.

Das geschah auch in Pirna. Vor dem Bahnhof hatten die Gottleubafluten Schlamm bis zu einer Höhe von fast einem halben Meter angespült. Ging es am Vormittag noch ums Beräumen, so wurden in den Nachmittagsstunden bereits Vorkehrungen für die nächste nahende Katastrophe getroffen. Hatte der Elbepegel gegen 15 Uhr die Sieben-Meter-Marke bereits weit überschritten, so wurden für die Nacht zu heute bereits neun Meter angedroht. Noch nie gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine derartige Katastrophe, bei der die Hochwasser der Nebenflüsse Gottleuba, Seidewitz und Müglitz sowie das der Elbe zeitgleich kommen. Pirnas Stadtsprecher Klaus Hensel geht davon aus, dass die Elbfluten die Mitte des Marktes samt dem Erdgeschoss des Rathauses erreichen. Bereits bei der Neun-Meter-Marke würde das höchste registrierte Elbhochwasser von 1845 um 55 Zentimeter übertroffen.

Landrat Geisler informierte am späten Nachmittag die SZ, dass es noch dramatischer wird als angenommen. Der Elbpegel soll auf zehn bis elf Meter anschwellen. Im Verlaufe des Tages hatte die Elbe bereits Teile von Bad Schandau, Königstein, Rathen und Wehlen überschwemmt. Dort mussten Bürger aus ihren Häusern evakuiert werden. In Rathen erreichten die Fluten das Hotel Elbschlösschen, das nunmehr geschlossen ist.

Telefonnetze teilweise zusammengebrochen

Kreischef Geisler hatte alle Hände voll damit zu tun, die Rettungsaktionen zu koordinieren. Nunmehr wird auch damit gerechnet, dass durch die weiter anschwellende Elbe auch die Gottleuba und die Seidewitz zurückstauen und wiederum über die Ufer treten. In Pirna wurden gestern Nachmittag fieberhaft Vorkehrungen getroffen. Einsatzkräfte füllten mit Hilfe der Bevölkerung 80 000 Sandsäcke. Diese wurden entlang der Elbe von Copitz bis Pratzschwitz als schützender Wall aufgestapelt. Landrat Geisler bietet den Bürgern von Copitz und Umgebung an, bei Gefahr ins Berufsschulzentrum an der Pillnitzer Straße zu kommen. Dort stehen sichere Pkw-Abstellplätze und genügend Räume zur Verfügung.

Die Schulen im Landkreis bleiben weiter geschlossen. Frühestens ab Montag könnte in einigen Orten wieder mit dem Unterricht begonnen werden. In den großen Katastrophengebieten, vor allem im Müglitztal, wird das nach Einschätzung des Kreischefs jedoch noch nicht möglich sein. Jetzt wird nach Lösungen gesucht, wo die Kinder aus den dortigen Gemeinden in den nächsten Tagen lernen können.

Das Problem fange bereits mit den Schülertransporten an. Bei der Oberelbischen Verkehrsgesellschaft Pirna-Sebnitz (OVPS) waren gestern nur sieben Busse einsatzbereit. Allein im neuen Pirnaer Busbetriebshof waren 13 Fahrzeuge in der Nacht zum Dienstag überflutet worden.

Ein Problem sind auch die Telefonverbindungen. Das Festnetz ist teilweise zusammengebrochen. Das Mobilfunknetz in den Katastrophengebieten ist ebenfalls hoffnungslos überlastet. Deshalb sollten nur die dringendsten Gespräche geführt werden.

Geisler, der selbst bereits tagelang im Einsatz ist, dankt den zahlreichen Helfern. Allein vom BGS sind 1 200 Frauen und Männer im Einsatz. Hunderte Beamte aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin unterstützten die Pirnaer Grenzschützer. "Die BGS-Leute haben Großartiges geleistet", sagt der Landrat. Auch aus Pirnas Partnerstadt Remscheid in Nordrhein-Westfalen naht Hilfe. Ein Löschfahrzeug mit neun Feuerwehrleuten ist gestern in Marsch gesetzt worden.

Selbst der Wahlkampf gerät durch die Katastrophe ins Stocken. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig teilte gestern mit, dass er die heiße Phase auf Anfang September verschiebt. Der Papstdorfer will seine Kraft jetzt für die Unterstützung der Hilfsaktionen einsetzen. Brähmig fordert, schnellstens einen nationalen Katastrophenfonds zu schaffen. Bereits nach Unwettern in Bayern 1999 hatte er dies verlangt. In diesem Punkt hätte er sich gestern gleich mal mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) verständigen können, falls dieser dazu bereit gewesen wäre. Denn Schröder machte sich auf dem Pirnaer Sonnenstein ein Bild von der Lage der Evakuierten.

Das Unwetter hat auch ganz direkte Auswirkungen auf Wahlkämpfer Brähmig. Sein Büro auf der Klosterstraße war seit Montagabend von der Außenwelt abgeschnitten.

Genauso wie die SZ-Redaktion auf der Pirnaer Schössergasse. Nachdem dort tagelang sämtliche Verbindungen gekappt waren, kam gestern ein großzügiges Angebot der Copitzer Edelstahlwerke Schmees. Dort richtete die SZ-Lokalredaktion am Nachmittag ein Notbüro auf der Basteistraße 60 ein.

Die SZ-Lokalredaktion Pirna ist ab sofort bis auf Weiteres telefonisch unter 03501/56 03 53 oder 56 03 57 erreichbar.

Zahlreiche Autos wurden gestern Vormittag in den Katastrophengebieten geborgen. Sie waren von den Fluten überspült worden. Hier ist ein Abschleppdienst auf der Pirnaer Klosterstraße zugange.In Pirna-Zuschendorf hat die Seidewitz verheerende Schäden angerichtet. Zahlreiche Häuser sind völlig zerstört oder beschädigt. Das gleich Schicksal ereilte auch viele Häuser im Müglitz- und im Gottleubatal. Fotos: SZ/Dirk Zschiedrich, SZ/Peter Hilbert, Markus Galle