| Sächsische Zeitung (Lokales Pirna ), 14.08.02 Katastrophe ungeahnten Ausmaßes Ein Feuerwehrmann bezahlt Einsatz mit dem Leben / 25 Vermisste / Hunderte Häuser im Landkreis beschädigt oder zerstört Peter Hilbert Eine Katastrophe mit ungeahntem Ausmaß hat vor allem die linkselbischen Gebiete des Landkreises Sächsische Schweiz erfasst. Wassermassen haben die Täler der Gottleuba, der Seidewitz und der Müglitz überflutet. Hunderte Rettungskräfte versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Die Rettungskräfte im Landkreis kommen seit Montag kaum zum Luftholen. Die Unwetterwarnung ließ zwar Schlimmes befürchten. Am Montagvormittag mussten bereits Keller ausgepumpt werden. Aber die spätere Flutwelle war noch nicht absehbar. Allerdings erhielt Landrat Michael Geisler (CDU) Informationen aus dem Nachbarkreis, wo die Weißeritz bereits zum reißenden Strom geworden war. In den frühen Abendstunden bot sich an Müglitz, Seidewitz und Gottleuba ein ähnliches Bild. Ursache für das Hochwasser waren die starken Regenfälle, vor allem im Osterzgebirge. Dort fielen von Sonntag bis Dienstag 380 Liter pro Quadratmeter, ein Vielfaches des Normalen. "Besonders dramatische Ausmaße hat die Katastrophe im Müglitztal angenommen", schätzt Geisler ein. Allerdings spielte sich auch in vielen anderen linkselbischen Orten ein Kampf um Leben und Tod ab. Ein tragisches Unglück ereignete sich am Montagabend in Pirna-Zuschendorf. Gegen 17 Uhr versuchten Pirnaer Einsatzkräfte von den Fluten in ihren Häusern eingeschlossene Menschen zu retten. Plötzlich trieb die reißende Seidewitz ein Auto heran, das einen der mutigen Feuerwehrleute erfasste und zerquetschte, schildert Oberbürgermeister Markus Ulbig (CDU) das Unglück. Der Mann erlag seinen schweren Verletzungen. Ein weiterer Pirnaer Feuerwehrmann, den die Wassermassen mitgerissen hatten, konnte in letzter Sekunde gerettet werden. 25 Personen sind zudem vermisst. Für die Führungskräfte in der Rettungsleitstelle des Kreises ist das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht bis ins letzte Detail klar. Die Schäden haben bereits jetzt gigantische Dimensionen angenommen. Landrat Geisler machte sich während eines Rundfluges gestern Morgen ein erstes Bild. Das aus der Luft und bereits zuvor im Katastrophengebiet Gesehene ist für ihn erschütternd. Hunderte Häuser seien schwer beschädigt oder gar ganz zerstört, zahlreiche Autos wurden Opfer der Fluten. Besonders hart hat es Weesenstein getroffen, wo die Müglitz ein Werk der Vernichtung hinterließ. Die erst 1997 sanierte Eisenbahnstrecke Heidenau-Altenberg ist nicht mehr befahrbar. Fast jede Brücke ist stark beschädigt. Auch die Müglitztalstraße ist teilweise zerstört. Der Nahverkehr im Landkreis ist de facto zusammengebrochen. Die Oberelbische Verkehrsgesellschaft Pirna-Sebnitz (OVPS) hat es kalt erwischt. Der neue Betriebshof in Pirna steht unter Wasser. "13 Busse konnten wir nicht mehr rausholen", sagt OVPS-Chef Roland Henkel. Doch nicht genug. In der neuen Halle sind die Leichtbauwände aufgeweicht und Computer überschwemmt. Hinzu kommt, dass mehrere Busse plötzlich regelrecht von der Umwelt abgeschnitten wurden. Bei Liebstadt kam vor einem Fahrzeug der Hang herunter, dahinter brach die Straße zusammen. Ähnlich erging es anderen. Mit den restlichen OVPS-Bussen und denen weiterer Verkehrsunternehmen wurden Kinder aus Schulen und Bewohner aus ihren Häusern evakuiert. Allein in Pirna mussten in der Nacht zum Dienstag über 700 Menschen ihre bedrohten Häuser verlassen, schätzt Katastrophen-Amtschef Thomas Obst. Vor allem mussten Gebäude im Seidewitz- und Gottleubatal sowie in der Innenstadt geräumt werden. Im gesamten Kreis sind weit über 1 000 Menschen bis gestern Morgen evakuiert worden. Dazu wurden auch Hubschrauber von BGS und Bundeswehr eingesetzt. Notunterkünfte wurden in der Sporthalle auf dem Sonnenstein sowie in den dortigen Schulen eingerichtet. In Friedrichswalde-Ottendorf bot der Kindergarten gefährdeten Menschen Zuflucht und in Berggießhübel die Kureinrichtungen. Landrat Geisler bewertet das Zusammenspiel der Rettungskräfte von BGS, Polizei, Feuerwehren und aus den Kommunen als "absolut professionell". "Eine tolle Zusammenarbeit", pflichtet ihm OB Ulbig bei. Beide Kommunalpolitiker, die selbst seit Montagmorgen ununterbrochen im Einsatz sind, danken den vielen Einsatzkräften und Helfern. Zahlreiche Schulen bleiben weiterhin geschlossen. Die Katastrophe hat drastische Auswirkungen auf vielen Gebieten. Das Telefonnetz ist zu weiten Teilen zusammengebrochen. Auch in den Mobilfunknetzen ist kaum noch ein Durchkommen. Viele Geschäfte und Supermärkte im Katastrophengebiet blieben gestern geschlossen. In geöffneten Märkten gab es auf Grund fehlender Lieferungen bereits mittags kein Brot mehr. Entsprechend lang waren die Schlangen bei einigen Bäckern. Landrat Geisler befürchtet, dass bei anhaltendem Hochwasser die Versorgungsprobleme vor allem in abgeschnittenen Gebieten drastisch zunehmen. Die Aussichten verheißen nichts Gutes. Angekündigt ist, dass die Elbe heute einen Pegelstand von knapp 10 Metern erreicht. Gestern lag dieser bei knapp sieben Metern. Fast stündlich tagten gestern die Krisenstäbe. Am Nachmittag wurde entschieden, die Evakuierung weiterer Gebiete entlang der Elbe vorzubereiten. Betroffen sind vor allem Teile von Pirna-Copitz, Wehlen, Rathen, Königstein und Bad Schandau. Geisler bittet die Bewohner der betroffenen Gebiete, den Aufforderungen der Rettungskräfte unbedingt Folge zu leisten. Für Rückfragen von Angehörigen der Evakuierten hat das Landratsamt ein Info-Telefon eingerichtet. Die Nummern 03501/51 54 19 und 51 54 20 sind rund um die Uhr erreichbar. Gestern Nachmittag machten sich Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) in Pirna ein Bild von der Lage. Schily stellte auf Nachfrage der SZ zusätzliche Mittel zur Beseitigung der Katastrophenschäden in Aussicht. Unter anderem will er dazu EU-Töpfe anzapfen. Der Bundestag will ein gesondertes Kreditprogramm beschließen. Katastrophal die Situation auch in Dohna. Ganze Straßenzüge standen unter Wasser. Foto: Daniel FörsterDie Evakuierten beispielsweise aus Pirna-Rottwerndorf, Zuschendorf und Zehista sowie Pirna-Copitz und Obervogelgesangkamen in der Turnhalle auf dem Pirnaer-Sonnenstein unter. Dort wurden sie versorgt und verpflegt.Auf der Breiten Straße in Pirna retten Bundesgrenzschützer und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes Menschen aus ihren Wohnhäusern. Die Straße war gestern früh nur noch mit Booten passierbar. Fotos (2): SZ/Dirk Zschiedrich
|