| Sächsische Zeitung (Politik/ Natur und Technik), 14.08.02 RegierungschefDer Helfer am Handy Wie sich Ministerpräsident Georg Milbradt ein Bild von der Katastrophe macht Stefan Schirmer Der Einsatzleiter drängt. Nein, er bettelt. "Wir brauchen dringend Sandsäcke", sagt er. "Und Leute, die Gemälde hochtragen." Georg Milbradt steht vor dem Mann und hört zu. Sie stehen am Eingang zum Dresdener Zwinger, der seit zweieinhalb Stunden evakuiert wird. Die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen, darunter die kostbaren riesigen Canalettos im Erdgeschoss, sie drohen im Hochwasser zu versinken. Die Feuerwehr aus Löbtau versucht zu retten, was zu retten ist. Dabei erleichtert es die Arbeiten nicht gerade, dass weiterhin Busladungen Touristen über den Theaterplatz und in den Durchgang zum Zwinger schlendern, dabei arglos über ausgerollte Feuerwehrschläuche steigen. "Wir brauchen Einsatzkräfte", fleht der Einsatzleiter. Georg Milbradt hört zu. Wortlos und schier mechanisch greift er zum Handy, das einer seiner Begleiter trägt. Er lässt sich mit der Einsatzzentrale verbinden, dann reicht er das Handy weiter an den Feuerwehrmann. Ob's was hilft? Minuten später sitzt der Ministerpräsident wieder in seinem Jeep, greift wieder zum Handy. Er beordert den zuständigen Minister Rößler zur versinkenden Gemäldesammlung. Schon braust sein Wagen zur nächsten Katastrophenstelle. Wohin soll er fahren? Es gibt so viele Stellen, an denen die Not durch die furchtbare Naturgewalt groß ist. Es ist zehn Uhr gestern Morgen, als Georg Milbradt sich einen Eindruck von den Folgen der Flut in Dresden zu verschaffen beginnt. Seine Kolonne braust zum Landtag. "Abgesoffen", entfährt es Milbradt beim Blick auf den unterspülten Vorplatz. Mit Blaulicht brettert die Kolonne weiter, schiebt sich durch den Stau, und hält neben der Flügelwegbrücke. Als er auf die schlammige Weißeritz blickt, die wie ein sehr breiter Wildbach elbwärts stürzt, sagt Milbradt leise: "Und wir dachten, gestern war schon das Schlimmste." Am Montag, als die Flutkatastrophe in Sachsen erstmals deutlich wurde, ließ sich der Ministerpräsident kurzentschlossen in den Weißeritzkreis bringen. Bis zum ursprünglichen Ziel, nach Glashütte, kam er gar nicht erst durch. Beim Anblick der reißenden Müglitz rang Milbradt um Fassung. Spätestens da wird ihm klar gewesen sein: Knapp vier Monate nach Amtsantritt steht er vor der ersten großen Bewährungsprobe als Regierungschef. Und vor was für einer. Ständig liefen am Montagabend unterwegs Meldungen ein von Menschen, die aus einsturzgefährdeten Häusern gerettet werden müssten; bei dem Wetter konnten aber keine Hubschrauber mehr abheben. Immer wieder brach die Telefonverbindung zusammen. Gefasst, ohne Hektik, ließ sich Milbradt von Einsatzkräften unterrichten und versuchte, den Kontakt zum Krisenzentrum zu halten. Nur als Landrat Geisler von zahlreichen Autofahrern berichtete, die sich auch von Polizeiposten nicht am Weiterfahren auf überschwemmten Straßen hindern ließen, brach kurz Milbradts Ruhedamm: "Denen würde ich erst mal ein saftiges Bußgeld verpassen", wetterte er auf der Rückbank des Jeeps, in dem er durchs Katastrophengebiet fuhr. Mit einem Motorschaden blieb gegen 21.30 Uhr der Tross des Ministerpräsidenten in Heidenau liegen. Die Bundesstraße 172 war zudem durch die Fluten abgeschnitten. Polizeikräfte erwägten, den Regierungschef per Schlauchboot überzusetzen. Bis kurz vor Mitternacht saß Milbradt geduldig in Gummistiefeln und einem gelben Kampfanzug der Wasserschutzpolizei bei einer Pirnaer Tankstelle fest, samt einigen Begleitern. Dann erst wurden geeignete Fahrzeuge frei, um sie abzuholen. Gestern in Dresden führt Milbradts Fahrt schließlich nach Friedrichstadt, wo die Fluten besonders schlimm wüten. Etwas ungeduldig fragt der Ministerpräsident einen Feuerwehrmann an der Bremer Straße, die nun eher einem Fluss gleicht, warum denn hier noch niemand evakuiert wurde. Die Strömung sei zu groß, um mit handbetriebenen Schlauchbooten heranzukommen, klagt der Mann. Sie warten auf Motorboote, auch um ein nahes Altenheim zu evakuieren. Als Milbradt geht, sagt er noch zu Anwohnern am Straßenrand: "Machen Sie´s gut. Toi, toi, Toi." Und greift wieder zum Handy. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt vor Ort bei den EinsatzkräftenFoto: Ronald Bonß
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