Sächsische Zeitung (Lokales Dippoldiswalde ), 14.08.02

Steine poltern, und es stinkt nach Heizöl

Die Müglitz zeigt die Zähne / Menschen von den Fluten mitgerissen

Die Uhrenstadt Glashütte ist dreigeteilt und weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Der Prießnitzbach mündet in die Müglitz und jeder der Wasserarme ist ein unüberwindliches Hindernis.

Frank Herz

Gespenstisch fließt das Müglitz-Hochwasser durch Schlottwitz. Es stinkt nach Heizöl, dumpf poltern die Steine mit dem Wasser über den Asphalt. Das ganze breite Tal ist ein reißender Strom, aus dem die Häuser ragen. Umgerissene Schaltkästen, schrägstehende Bahnschranken, ein Allradauto, bei dem das Wasser bis zur Windschutzscheibe hinein und zur Heckscheibe wieder heraus fließt. Sie zeigen die Gewalt des Wassers. Trotzdem herrscht eine beklemmende Ruhe, keine Autos, keine Menschen.

Außer dem Rauschen des Wassers ist manchmal das Rattern der Hubschrauber am Himmel zu hören. Es macht denjenigen Hoffnung, die in Häusern sitzen, bei denen Einsturzgefahr besteht. Groß ist der Schrecken in dem Glashütter Ortsteil. Hier weitet sich das Müglitztal, ist aber dicht bebaut. Mehrere Vermisste wurden von hier an den Krisenstab im Landratsamt Weißeritzkreis gemeldet. Ein Erwachsener hat versucht, ein Kind festzuhalten, und beide stürzten in die Fluten. Insgesamt waren gestern Nachmittag neun Anfragen eingegangen, bei denen Menschen vermisst waren, darunter drei Kinder.

Die 18-jährige Manja Schneider erzählt, wie sie am Montagnachmittag das Müglitztal hochfuhr. In Schlottwitz konnte sie nicht mehr weiter, weil ihr das Wasser entgegenkam und auch kein Ausweichen mehr auf eine Seitenstraße möglich war. Zum Glück hat sie Verwandte im Ort. Zahlreiche Erzgebirgler übernachten seit Montag bei Bekannten, am Arbeitsplatz, in Hotels oder anderen Bleiben.

Über 30 Kinder und 14 Erzieherinnen sitzen seit Montag im Kindergarten Glashütte, und zwar in Sicherheit vor dem Wasser, aber ohne Kontakt zu ihren Eltern. Sie kommen nicht über die Müglitz. Strom- und Telefonleitungen sind gekappt. Gestern gab es noch keine Übersicht, aber wahrscheinlich wird Glashütte längere Zeit kaum erreichbar sein. Aus Richtung Dippoldiswalde ist eine Brücke vor der Innenstadt schwer beschädigt. Wie der Zustand der Bauwerke im Müglitztal ist, konnte gestern noch niemand beurteilen. Sie waren alle noch überspült. Auch wenn nachmittags der Regen aufhörte und in Glashütte das Wasser so weit zurück ging, dass sich die ersten Fußgänger wieder auf die Hauptstraße trauten, bringt die Müglitz noch die Wassermassen aus dem oberen Osterzgebirge.

Am Montag ging bereits der Schrecken durch Glashütte, weil der Damm des Prießnitz-Rückhaltebeckens brach. In mehreren Flutwellen strömte das Wasser durch die Hauptstraße. Am Bahnhof stauen sich jetzt Container, Autos, Bretter, Baumstämme und Unrat, den das Wasser mitgeschwemmt hatte.

Dem folgte aber noch eine Steigerung. Die Müglitz zeigt die Zähne und trat über die Ufer. Das sonst harmlose Flüsschen wälzte sich wie ein Strom durch sein Tal. Das Eisenbahngleis ist nur noch an den Signalen zu erkennen.

Im Glashütter Uhrenbetrieb steht Wasser, das Kellergeschoss des Stammhauses von Lange-Uhren lief voll. Die Betriebe arbeiten nicht. Teilweise saßen gestern noch Mitarbeiter an ihren Arbeitsplätzen fest, weil sie nicht mehr zu ihrer Wohnung gelangen konnten. Geschäftsführer übernachteten im Unternehmen. Die Kommunikation zwischen Glashütte und seinen Ortsteilen riss ab. Das Schicksal der Mühle und Bäckerei Bärenhecke, die unmittelbar an der Müglitz steht, war gestern noch ungewiss. 13 Häuser wurden gestern in Glashütte mit Hubschraubern evakuiert. Eine Frau, die nicht mehr aufs Dach steigen konnte, retteten die Feuerwehrmänner Maik Pfeifer und Harry Pilz. Eine Wand ihres Hauses hatte der Fluss bereits weggerissen. Da rannten die Retter durch die Fluten und halfen ihr in Sicherheit.

Überfluteter Bahnübergang im Glashütter Ortsteil Schlottwitz: Die Schäden an der Müglitztalbahn lassen sich nur erahnen.Foto: SZ/Franz Herz