Sächsische Zeitung (Seite3/ Natur und Technik ), 13.08.02

So was habe ich noch nie erlebt

Flüsschen verwandeln sich in reißende Ströme, Dämme brechen, Straßen werden weggespült: Fassungslos und hilflos stehen die Menschen in den Wassermassen

Jörg Marschner und Frank Tausch

Das Rathaus von Glashütte steht in der Hauptstraße 42 und liegt etwas oberhalb der Müglitz, die wild schäumend Richtung Elbe schießt und sich der Zwei-Meter-Marke nähert. Es ist genau 16.32 Uhr, als Frau Fiedler von der Stadtverwaltung gerade am Telefon erzählt, dass bei ihnen das Hochwasser des Prießnitzbaches vor kurzem etwas gesunken sei, jetzt aber wieder steige. Plötzlich sind im Hintergrund laute Schreie zu hören, Frau Fiedler kann nur noch ausrufen: Oh, oh, jetzt kommen die Wassermasssen. Rufen Sie später wieder an.

Dammbruch am Prießnitzbach

In der Hauptstraße 28, wo früher ein Eiscafé einlud, steht Charlotte Gehler am Fenster und sieht, was sie nicht fassen kann: Autos, die auf der Hauptstraße parken, werden von den Fluten weggeschwemmt. Ebenso die Häusl vom Straßenbau und die ganzen Absperrungen, denn weiter oben wird an einer Straße gebaut. Die 91-Jährige ist noch eine Stunde später völlig erschüttert, als sie erzählt: Nur 1927 war des auch so schlimm.

Was da die Hauptstraße herabgeschossen kommt, sind die Wassermassen aus dem kleinen Rückhaltebecken im Tal der Prießnitz. An die vier Meter hoch ist der Damm. Schon gegen Mittag hatten Sicherheitskräfte festgestellt, dass an seinem Fuß Wasser durchtritt. Der Bürgermeister gab sofort Katastrophenalarm. Nun ist der Damm in zwei Teile gebrochen. Von möglichen Todesopfern war zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt. Die Wassermassen stürzen sich in der Nähe des Bahnhofs in die schon übervolle Müritz. Dort ist die Situation schon seit Stunden so gefährlich, dass die Bahn den Betrieb mit ihren roten Flitzern zwischen Glashütte und Altenberg längst eingestellt hat.

Am Abend macht sich Ministerpräsident Milbradt auf den Weg ins Krisengebiet. Mit einem Jeep, der bis zu den Türklinken im Wasser fährt, kommt er bis Burkhardswalde. Auf dem Hof des dortigen Bürgermeisters, der selbst anderswo feststeckt, wird eine Auto an ein Notstromaggregat geschlossen, das ist das Krisenzentrum für die nächsten Stunden. Allerdings erfährt Milbradt mehr per Telefon aus Dresden als direkt vor Ort. Irgendwo in der Nähe sollen zum Beispiel drei Menschen aus der Müglitz gezogen worden sein. Schon bald aber bricht auch hier das Mobilfunknetz zusammen. Spät abends auf der Rückfahrt nach Dresden bleibt das Polizeiauto, in dem der Ministerpräsident sitzt, mit einem Motorschaden im Wasser stecken.

Wo am Wochenende noch Hunderte Anwohner der B 170 gegen den zunehmenden Transit-Schwerlastverkehr demonstrierten, steht gestern Nachmittag das Wasser fast einen halben Meter hoch. Das ist der Marktplatz von Schmiedeberg. Auf der Bundesstraße wälzt sich die braune Flut der Weißeritz Richtungs Obercarsdorf. Wo die B 171 von Olbernhau einmündet, hat die Weißeritz schon eine Breite von 15 0 Metern, weil sich das Wasser vor einer Brücke staut. Ich kann es gar nicht begreifen, sagt Schmiedebergs Bürgermeister Karl-Günter Schneider. 54 Jahre ist er jetzt alt, aber so etwas hab ich noch nicht erlebt. Das sagen auch die älteren Feuerwehrleute.

Am Pöbelbach müssen sie die Leute evakuieren, es wird zu gefährlich. Wer noch in den Geschäften am Markt und an der B 170 war und nun wieder heim auf die andere Seite der Weißeritz will, schafft das nicht mehr. Die Brücken in Schmiedeberg sind überspült und nur mit schwerer Technik zu passieren. Vor den Brücken staut sich massiv Holz an, die Lage wird immer gefährlicher. Wer jetzt noch nach Kipsdorf will, hat keine Chance, die B 170 ist dicht. Im Kurort selbst steht das Wasser. Eine Familie mit zwei Kindern haben wir schon evakuiert, die bringen die Nacht im Kinderhaus zu, sagt Thomas Kirsten, der Altenberger Bürgermeister. Er fährt seine Gemeinden, so weit erreichbar, mit dem Jeep ab. In manchen Lagen gibt es kein Trinkwasser mehr, weil die Rohrbrücken über den Flüssen weggerissen wurden. Aber zuerst geht es um die Sicherheit der Menschen, sagt Kirsten. 15 Schüler vom Gymnasium Altenberg konnten sie noch heimfahren. Andere befinden sich noch in Altenberg in der Bibliothek. Notfalls müssen sie in der Jugendherberge übernachten. In vielen Schulhorten werden die Kinder nicht mehr allein nach Hause geschickt. Wer nicht abgeholt wird, muss dableiben.

Der flutende Steinbach ist eigentlich ein Rinnsal

Klatschnass klammert sich Siegfried Tilz am Geländer der kleinen Brücke fest, die zu seinem Haus führt. Graubraun schnellen die Wassermassen im Dörfchen Steinbach im Landkreis Freiberg zu Tal. Die Wasserwoge bäumt sich auf, wo Hindernisse den Weg versperren, die reißende Strömung strudelt und quirlt. Nur noch das oberste Geländerrohr ragt aus den braunen Fluten heraus. Einen halben Meter hoch schäumt der Bach über die Brücke. Tilz versucht, angeschwemmte Äste und Gestrüpp, die sich an der Brücke verfangen, freizubekommen. Die Sandsäcke vor seinem Haus hat die reißende Strömung schon fortgerissen. Doch der 62-Jährige hat den Eingang schon am Morgen vernagelt, noch hält die Konstruktion die Wassermassen draußen. Dafür drückt hinter seinem Haus das Wasser aus dem Berg schon durch die rückwärtige Hauswand. Im Bad laufen die Tauchpumpen. Ich hoffe, die machen ein wenig Luft, sagt der Rentner. Es ist wenig bis nichts, was er tun kann gegen die Naturgewalt. Trotzdem hält es ihn nicht im Haus. Ich habe schon einige Hochwasser mitgemacht, aber so etwas noch nicht, sagt er. Nach einem sehr heftigen Gewitter, wie zuletzt vor knapp zwei Jahren, da schwillt der Bach schon mal an, für wenige Stunden. Aber über den ganzen Tag und vielleicht noch länger, das habe ich noch nicht erlebt. Der Steinbach im gleichnamigen Ort war noch am Sonntag ein Rinnsal, das sich zwischen größeren Steinen und Bäumen durch den Ort schlängelte. Doch in der Nacht hat Regen eingesetzt, nicht enden wollender Dauerregen, zwischenzeitlich immer wieder so heftig wie ein Wolkenbruch. Über die umliegenden Felder kommen die Wassermassen herangewalzt und ergießen sich in den Bachlauf, der binnen Stunden anschwillt, zu einem brüllenden, donnernden Ungetüm.

Um halb elf kam das Wasser bei ihm an, man konnte richtig zusehen, wie es von Minute zu Minute gestiegen ist. Auf Hilfe von außen kann er nicht hoffen, die Wassermassen haben auch die Straßenbrücke in den Ort längst überschwemmt und schäumen, den Asphalt abreißend, einen halben Meter hoch darüber hinweg. Da kommt keiner mehr durch, sagt Tilz. Von Anrufen bei Bekannten in Nachbardörfern weiß er, dass es da nicht besser aussieht. Die Flöha ist über die Ufer getreten und zu einem Fluss geworden. Ein Damm soll gebrochen sein, der Schwager arbeitet im Wasserwerk und hat erzählt, man habe alle Schleusen öffnen müssen.

Die Schweinitz hat sich verzehnfacht

Ich hab' schon viel erlebt und wir haben auch viel erwartet. Aber nicht, dass ein Flüsschen von 1,50 Meter Breite zu einem 100 Meter breiten Strom wird. Heinz-Peter Haustein, Bürgermeister von Deutschneudorf im Mittleren Erzgebirgskreis ist fassungslos angesichts der uferlosen Schweinitz. Seit den Morgenstunden sind in seiner Gemeinde genauso wie anderswo die Hilfskräfte pausenlos im Einsatz. Jetzt ist der Katastrophenalarm ausgerufen worden, ebenso wie in Olbernhau, Pockau und Pobershau. Den Kamm des Erzgebirges hat es besonders getroffen. Das habe ich noch nicht erlebt, sagt auch der Bürgermeister. Es ist der wohl am meisten gesprochene Satz dieses Tages.

Die Wassermassen bahnten sich ihren Weg und rissen alles mit, wie hier in Glashütte wurden unzählige Straßen unterspült. Foto: Matthias Hiekel/dpa