Sächsische Zeitung (Politik ), 23.01.2003

Müglitztal:
Das erste Brot nach der Flut wurde verschenkt

Bei "Bärenhecke" läuft die Produktion auf Hochtouren

Jörg Schurig

Das war wie in einem Horrorfilm." Wenn Gerald Seifert, Chef der Mühle und Bäckerei "Bärenhecke" im Müglitztal, von der Flut im August erzählt, wird das dramatische Geschehen wieder gegenwärtig. Die Müglitz ließ damals ganze Baumstämme gegen das unmittelbar vor der Firma gelegene Wehr krachen. Wer ein halbes Jahr später das Müglitztal herabfährt, sieht noch viele Wunden des Dramas. Im Verkaufsladen von "Bärenhecke" zeugen Fotos vom Ausnahmezustand. Firmenchef Seifert hat damals das Gelände fünf Tage lang nicht verlassen. An einem Tisch im Café der Bäckerei saß der betriebsinterne Krisenstab.

Dass die Bäckerei schon zwei Tage nach der Sintflut wieder Brot buk, mutet beim Blick auf die Fotos der Katastrophe wie ein Wunder an. "Wir hatten Glück im Unglück", sagt Seifert. Da am 12. August Wartungsarbeiten an den Turbinen des firmeneigenen Kraftwerks geplant waren, hatte "Bärenhecke" den Mühlgraben dichtgemacht. Das Wehr hielt stand. Andernfalls hätten Baumstämme und anderes Treibgut die Energieversorgung zerstört. "Das erste Brot haben wir verschenkt. Schließlich waren hier alle hilfsbedürftig", erzählt Seifert.

Rund 600 000 Euro Verluste an materiellen Gütern stehen zu Buche. In den Zeiten der Not konnten sich die Genossenschafter aber auf Hilfe verlassen. Lieferanten und Kunden hielten dem Unternehmen die Treue, auch wenn in den ersten Tagen kein reguläres Produzieren möglich war. Noch immer sind die Auswirkungen der Flut zu spüren. Während früher im Schnitt drei Reisebusse am Tag einen Stopp am technischen Denkmal "Bärenhecke" machten, kommt jetzt nur noch einer pro Woche. "Wir gelten noch immer als Schadensgebiet", begründet Seifert die Flaute.

In der Produktion ist davon freilich nichts zu spüren. Sie läuft wieder auf vollen Touren. 1 300 Tonnen Weizen und 1 000 Tonnen Roggen pro Jahr verwandeln sich hier zu Backwaren, darunter 40 Sorten Brot. Dabei wird ausschließlich Getreide aus kontrolliertem Anbau verarbeitet. 6 000 bis 7 000 Brote verlassen wochentags den Ofen, am Wochenende sind es bis zu 10 000. In allen großen Handelsketten ist "Bärenhecke" regional gelistet. 13 Backshops sorgen für Direktvermarktung. Auch Catering-Firmen gehören zur Kundschaft.

Bei konkreten Unternehmenszahlen hält sich Seifert zurück. Seit 1998 schreibe "Bärenhecke"- ein reines "Ost-Unternehmen" - schwarze Zahlen. Der Stamm an Mitarbeitern stieg seit der Wende von 40 auf 120 Festangestellte. Entlassungen Folge der Flut gab es nur in zwei Fällen. Die beiden Mitarbeiter hatten sich trotz mehrmaliger Aufforderung nicht am Aufräumen beteiligt. Auf den Rest der Belegschaft ist der Chef stolz. "Wenn wir uns nicht auf unsere Stärken besonnen hätten, wäre hier der Ofen aus gewesen." (dpa)

Brot-Flut: Roswitha Wackwitz beschickt den Backofen in Bärenhecke mit Teigformen. 40 verschiedene Brotsorten werden hier produziert.Foto: ZB/M. Hiekel