Sächsische Zeitung (Seite3/ Betriebswirtschaft ), 17.01.2003

Firmengeschichte - Margon

Seit 100 Jahren wird aus den Quellen im Müglitztal Mineralwasser gefördert. Das legendäre Margon überlebte die Wende und konnte sich erfolgreich am Markt behaupten. Pünktlich zum heutigen Jubiläum übernimmt jetzt der Getränkekonzern Brau und Brunnen die sächsische Marke.

Vom Heilwasser zum Durstlöscher

Jahrzehntelang führte Artur Kunz das Unternehmen Margon und brachte es zum Marktführer in der DDR

Frank Tausch

Die Krone musste er opfern. "Da waren den Genossen ein paar Zacken zu viel dran", sagt Artur Kunz und schmunzelt. Das monarchistische Symbol wandelte sich zu einem Stern, einer Art Sowjetstern. Die führenden Genossen waren zufrieden und Artur Kunz durfte zumindest das Johanniter-Kreuz auf dem Etikett behalten. Es ziert seit mittlerweile 100 Jahren die Flaschen aus dem Hause Margon und hat Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazideutschland und die DDR überdauert.

Ein Erfolgsschlager. In aller Munde. Stolz ist Artur Kunz, der den Betrieb über Jahrzehnte führte, noch immer auf seinen Werbeslogan. "Margonwaser - prickelnd frisch." Als er 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkam und die Leitung des damaligen "Gössel-Gesundbrunnen" in Burkhardtswalde übernahm, da ersann er den Spruch. Mit ihm wurde Margon groß und der Marktführer in der DDR. Margon-Zitrone war der Durstlöscher ganzer Generationen, Margon-Tonic der Hit jeder Party. Wenn man es denn bekam.

Daran war in den Gründerjahren von Margon nicht zu denken. 1903 war es, als Gottfried Moritz Gössel über die Wiesen seiner Heimat im Müglitztal wanderte und die Quelle entdeckte. In diesen Jahren war Gössel schon ein anerkannter Heilpraktiker in Dresden. Was Rang und Namen hatte, ging zu ihm. Wohl beleibt, mit Rauschebart, Hut und Wanderstock zeigt ihn ein historisches Foto. Ein Naturfreund, der in der Natur das Göttliche erblickte und und ihre heilenden Kräfte verwandte. Gössel ließ die Quelle fassen, erwarb die Wiese und begann, das Wasser aus der "Augenquelle" in ganz Europa zu vertreiben. Nicht zum Durst löschen war das Margon - die aus dem Wasser kommende Kraft - gedacht, sonderm zum Heilen. Grafen, Barone und Prinzen aus Budapest, London und Sankt Petersburg ließen das Wasser kommen für Trink-Kuren. Das exklusive Geschäft freilich siechte, auch wenn Gössels Betrieb Toilettenöl zur Erweichung der Haut und andere Mittelchen ins Sortiment aufnahm. In den Weltkriegen kam das Geschäft ganz zum Erliegen, zwischendurch hielt es eine Gönnerin am Leben. Pauline Freifrau von Stumm, die Gössel von einer schweren Lähmung geheilt hatte, pumpte gewaltige Geldsummen in den Betrieb.

Mit Rumgeschmack und Himbeeraroma

"Das wäre uns beinahe zum Verhängnis geworden", erinnert sich Artur Kunz. Der junge Geschäftsführer hatte einige Mühe, die Besatzungsmächte zu überzeugen, dass die Zuwendungen der Freifrau nur Spenden waren - sonst hätte die Verstaatlichung gedroht. So aber führte Kunz den Betrieb und erwarb ihn von den Erben Gössels.

Damit begann der Aufstieg zum Getränkeversorger der DDR. "Der Sinn der Menschen nach dem Krieg stand nicht nach Wasser. Die Leute wollten etwas zu beißen haben und etwas zu trinken, das musste Geschmack haben", erinnert sich der mittlerweile 86-jährige Kunz, der noch heute voller Elan und Unternehmergeist steckt. Mit Krawatte, das weiße Haar sorgfältig gekämmt, sitzt er in seinem Arbeitszimmer und erinnert sich. "Margon-Heißgetränkeansatz mit Rumgeschmack" und "Margon-Kunstlimonadenansatz 1:9 mit Himbeergeschmack" tranken die Sachsen nach dem Krieg. Und in jedem Kino flimmerte vor Heinz Rühmann und Adele Sandrock das Reklame-Dia "Margonwasser - prickelnd frisch". 1957 leuchtete der Slogan an der Ruine des Hotels "Excelsior" in Dresden in Neonfarben über die Stadt. Es blinkt noch heute dort an der Budapester Straße und steht mittlerweile unter Denkmalschutz. "Das ist ein Wahrzeichen Dresdens geworden", sagt Artur Kunz noch immer stolz auf seinen Coup.

Bald versorgte Margon die ganze DDR. Die Flaschen wurden zum Politikum - vor allem im Sommer. Bei heißen Temperaturen schwoll der Durst der Bevölkerung und schwanden die Getränke. Kunz musste bei Ministern antreten, Schüler und Werktätige anderer Betriebe wurden nach Burkhardswalde abgeordnet im Kampf gegen den Mangel. Mal fehlten Kronkorken, mal Flaschen, mal Zutaten. Fünf Jahre dauerte es, bis Kunz die Genehmigung für die Tonic-Wasser-Produktion bekam. Chinin ist Gift, hieß es und musste importiert werden. Dafür bekam Kunz dann aber die Goldmedaille auf der Leipziger Messe und Tonic und Margon-Grape verschwanden in den durstigen Kehlen der Regierung. Mitarbeiter der Staatssicherheit kamen persönlich nach Burkhardswalde und suchten im Lager Kisten aus - willkürlich. "Wir waren gewissermaßen der Hoflieferant, wir hatten nur leider den verkehrten König", sagt Artur Kunz verschmitzt. Doch nachtragend ist der Unternehmer nicht, auch wenn er 1972 enteignet wurde. Kunz blieb Betriebsdirektor, der sozialistische Wettbewerb beim "VEB Margon Dresden" galt als beispielhaft. Margon war und ist sein Lebenswerk, das ihm heute buchstäblich zu Füßen liegt. Der agile Unternehmer, der vor wenigen Jahren seine Erinnerungen aufgeschrieben hat, bewohnt eine Haus oberhalb des Betriebsgeländes und sieht noch immer die Laster voller Flaschen den Hof verlassen.

Seit 1957 blinkt die berühmte Leucht-Reklame auf der Budapester Straße in Dresden. Mittlerweile steht sie sogar unter Denkmalschutz. Foto: SZ/Th.Lehmann

Zahlen und Fakten

Margon an der Spitze. Mit einem Marktanteil von 16 Prozent war die Traditionsmarke Margon im vergangenen Jahr Marktführer in Sachsen.

Mineralwasser bleibt der Renner. Nur ein Fünftel seiner Einnahmen erwirtschaftete der 107-Mann-Betrieb mit Erfrischungsgetränken wie Cola, Tonic und Apfelschorle. Als Hoffnungsträger gilt Mineralwasser ohne Kohlensäure. Hier liegt Margon in Sachsen vor Evian. Margons wichtigstes Kapital, das Wasser, sprudelt aus 13 Brunnen.

Fleißige Trinker. Im Schnitt trank 2002 jeder Deutsche 110 Liter Mineralwasser, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders im Osten stieg der Absatz.