Sächsische Zeitung (Politik/ Natur und Technik ), 17.01.2003

Auf dem Papier erstehen die Flüsse neu

Den Provisorien an den Gewässern folgen nun die Konzepte - dann erst entscheidet sich, wie Müglitz und Mulde künftig aussehen werden

Vor fünf Monaten versank Sachsen in den Fluten des Jahrhunderthochwassers. Seitdem berichten wir täglich über den Wiederaufbau. Nun wollen wir eine Zwischenbilanz ziehen: Was ist geschafft? Was muss noch getan werden? Heute: Dämme und Deiche.

Frank Tausch

Wir dachten, wir kommen durch. Aber die Natur hat uns wieder eines Besseren belehrt", sagt Hans-Jürgen Glasebach. Der Chef der Landestalsperrenverwaltung erlebte wieder bange Sekunden, als das jüngste Hochwasser ungewöhnlich früh über den Jahreswechsel über Sachsen kam. Weihnachten und Neujahr fiel für viele seiner Mitarbeiter buchstäblich ins Wasser, weil notdürftig geflickte Dämme und Deiche gesichert werden mussten, 20 Baubetriebe standen im Notdienst bereit. Glasebach ist froh, dass die provisorisch hergerichteten Fluss- und Bachläufe standgehalten haben - "auch wenn wir manche Kritik einstecken mussten, weil wir Gewässer frei geschoben haben". Immerhin ein zehnjähriges Hochwasser - statistisch gesehen - haben die Flüsse nur vier Monate nach der großen Flut abtransportieren müssen.

Die Ausgangslage

Eine Mammut-Aufgabe haben die Wasserbauer bewältigt. Eine Datenbank listet die Schäden vom August auf: Es sind über 7 000 allein im Regierungsbezirk Dresden - von kleineren Uferabspülungen bis zu völlig auseinander gerissenen Stützmauern, von zerstörten Brücken bis zu verwüsteten Dörfern. Die Flüsse hatten teils ihr altes Bett völlig verlassen und neue an sich gerissen, mitten hindurch durch Straßen und Häuser. Bachbetten waren völlig zugeschüttet oder mit Bergen ineinander gekeilter Baumstämme, Gestrüpp und Hausrat verstopft. Allein an den größeren Flüssen in Sachsen gab es aneinander gereiht Schäden auf einer Länge von insgesamt 630 Kilometern, 185 Kilometer Deich waren beschädigt, an 130 Stellen waren Deiche gebrochen.

Die Instandsetzung

Mit der vorläufigen Bilanz ist Glasebach zufrieden, 90 Prozent der für Sofortmaßnahmen vorgesehenen 65 Millionen Euro sind bereits verbaut. Allein im Regierungsbezirk Dresden setzte die Landestalsperrenverwaltung 37 Ingenieur-Büros und 99 Baufirmen ein, dazu weitere 90 Unternehmen, die von ökologischer Projektbegleitung über Vermessung bis hin zu Grundstücksangelegenheiten Leistungen erbrachten. 200 Arbeitskräfte hat die Verwaltung befristet eingestellt, vom Bauingenieur bis zum Brückenbauer. Und die Flüsse haben ihre erste Bewährungsprobe bestanden.

Viel Kritik musste die Landestalsperrenverwaltung einstecken, weil in ihrem Auftrag an den Ufern Bäume gefällt oder die Bachbetten mit schwerer Technik beräumt wurden. "Wir mussten aber schnell handeln, um für ein neuerliches Hochwasser erst einmal gerüstet zu sein. Jetzt haben wir uns gefunden, arbeiten gut mit Forst, Staatlichen Umweltfachämtern, Landesamt für Umwelt und Geologie und Straßenbauverwaltungen zusammen", sagt Glasebach. Zerstörte Stützmauern außerhalb der Gemeinden wurden ersetzt durch schräge Böschungen und befestigt mit Felsbrocken, in Waldgebieten haben Weißeritz und Müglitz auch noch den Raum, den sie sich mit dem August-Hochwasser erobert hatten.

Nun aber geht der Hochwasserschutz in Sachsen erst in seine heiße Phase. Den Provisorien sollen jetzt Konzepte folgen. Dann erst wird Gestalt annehmen, wie Müglitz, Weißeritz, Mulde und Elbe künftig aussehen sollen, um Hochwasser besser trotzen zu können. Nur eines kann und will Glasebach nicht versprechen: Ein Katastrophenhochwasser wie im August ist selbst mit dem besten Flusskonzept nicht zu verhindern, allenfalls können die Folgen gemildert werden.

Die Vorstellungen

Ende Januar soll es erste Überlegungen geben, welche Gestalt die Flüsse künftig haben werden. Vor allem, wo sie fließen. Genau vermessen und dokumentiert wurde, an welchen Stellen die Bäche und Flüsse ihr angestammtes Bett verlassen hatten oder sich plötzlich einen zweiten Arm gruben. Wo es sinnvoll ist, könnten Weißeritz und Müglitz wieder verlegt werden in die Flussbetten, die sie an sich gerissen hatten. Im März dann sollen die vollständigen Konzepte vorliegen. Sie beinhalten sowohl technischen als auch ökologischen Hochwasserschutz. So wird zum Beispiel an der Müglitz geprüft, wo Überflutungsgebiete mit Auenwäldern entstehen können, ob Hochwasser an Weesenstein vorbei durch einen Stollen geführt wird, wo Rückhaltedämme gebaut werden und wo der Fluss mit großen Felsen einen Wildbettcharakter bekommt, der zu Tal stürzendes Wasser bremst und kinetische Energie aufnimmt. Mit im Konzept aber sind auch Aufforstungen oder die Anlage oder Instandsetzung von Wind- und Wasserschutzstreifen wie die Steinrücken im Osterzgebirge. Tief wurzelnde biegsame Weiden und Erlen sollen die Nebenflüsse künftig säumen. Jede Maßnahme muss aufeinander abgestimmt sein, um ein schlüssiges Konzept von der Quelle bis zur Mündung zu bekommen. "Wir wollen ja keinen Blödsinn machen", sagt Glasebach.

Das Flusskonzept für die Mulde ist fertig. "Ein Modellprojekt für Deutschland, wir wollen die Mulde völlig renaturieren", schwärmt Glasebach. Dazu sollen Deiche verlegt oder ganz abgetragen werden, andere bekommen ein Überlaufsystem, mit dem gezielt Polder geflutet werden können. Ortschaften werden zum Teil mit Ringdeichen geschützt. Ein ähnliches Konzept wird für die Elbe erarbeitet. "Der Grundsatz heißt: Den Flüssen mehr Raum", sagt Glasebach.

die Konflikte

Freilich gibt es Streit. Der Naturschutz fürchtet, im Osterzgebirge könnten ökologisch wertvolle Bergwiesen aufgeforstet werden, die Landwirtschaft im Muldental sorgt sich um ihre Äcker, die in Grünland umgewandelt werden müssten. Die Talsperrenverwaltung wird fachlich fundierte Konzepte vorlegen, sie umzusetzen und Konflikte auszuräumen aber wird Sache der Politik. Es wird auf jeden Fall Jahre dauern, die Fehler der Vergangenheit zu beseitigen.

Lesen Sie morgen: Spatenstich für die neue Schmiedeberger Schule.

Ebbe im Lämmergrund der Talsperre Malter. Nach einem neuen Bewirtschaftungskonzept, das dem Hochwasserschutz mehr Gewicht gibt, könnte es aber auch in Zukunft an der Malter so aussehen, zum Leidwesen von Anliegern wie Werner Naumann, der ein Wochenendgrundstück an der Malter besitzt.Foto: SZ/M. GröningPlatz für die Wilde Weißeritz bei Rehefeld. Der Fluss fließt hier jetzt dreimal so breit, hat einen Teil der Wiese von Horst Böhme (r.) aufgefressen, sich in Arme aufgeteilt und Schotterbänke angelegt. Einen Teil ihrer Wildheit soll sie behalten, sagt Gewässerökologe Hachmöller. Der Landwirt soll entschädigt werden. Foto: SZ/M. GröningÜbergabe an der Roten Weißeritz zwischen Schmiedeberg und Kipsdorf. Karen Riedel von der Landestalsperrenverwaltung, Förster André Kubatzsch und Forstreferendar Rainer Petzold begutachten im Oktober den wieder hergestellten Flusslauf. Hier floss die Weißeritz plötzlich an der 50 Meter entfernten Straße.Foto: SZ/T. LehmannSchwere Technik: Im Erzgebirge mussten zerstörte Flüsse provisorisch instand gesetzt werden. Foto: SZ/Egbert Kamprath